Der sanfte Darwin

Charles Darwin war ein Sozialromantiker


Die Formeln „Kampf ums Dasein" und „Überleben der Tauglichsten" weisen Charles Darwin als Vertreter einer düsteren Naturtheorie aus, die auch auf den Menschen dunkle Schatten wirft. Doch Darwin war überzeugt, dass der Mensch seine „sozialen Instinkte" verbessern könne, und gründete darauf eine Utopie der friedlichen Koexistenz des Menschen mit sich selbst und mit den Tieren.

Aus: PSYCHOLOGIE HEUTE. März 2009

 

Ein Ausblick auf fernere Geschlechterbraucht uns nicht fürchten zu lassen, dass die sozialen Instinkte schwächer werden; wir können im Gegenteil annehmen, dass die tugendhaften Gewohnheiten stärker werden. Ist dies der Fall, so wird unser Kampf zwischen den höheren und niederen Impulsen immer mehr von seiner Schwere verlieren, und immer häufiger wird die Tugend triumphieren."

Diese Zeilen aus seinem Buch Die Abstammung des Menschen (1871) lassen erkennen, dass Darwin seine Theorie der Evolution durch Selektion oder natürliche Auslese sozusagen ins Positive wenden wollte. Gewiss, in seinem ersten evolutionstheoretischen Hauptwerk, Über die Entstehung der Arten (1859), hatte er ein recht düsteres Naturbild gezeichnet, das seine Zeitgenossen schockierte und noch heute auf Widerstand stößt. Die weitreichende Konsequenz seiner Theorie nämlich ist, dass die Natur keinen Plan und keine Absicht kennt. Damit wird die im abendländischen Denken tiefverwurzelte Idee einer kosmischen Teleologie, eines Weltenzwecks, gründlich erschüttert. Auf der Basis des ständigen Wettbewerbs ums Dasein wirkt in der Entwicklungsgeschichte der belebten Natur nur eine blinde Kraft, woraus gleichsam automatisch eine Auslese der tauglichsten Individuen erfolgt, während alle anderen auf der Strecke bleiben. „Aus dem Kampf der Natur", bemerkte Darwin im Schlusskapitel seines Buches Über die Entstehung der Arten, „aus Hunger und Tod geht also unmittelbar das Höchste hervor, das wir uns vorstellen können: die Erzeugung immer höherer und vollkommenerer Wesen."

Immerhin erlaubt somit jene blinde Kraft der natürlichen Auslese eine Entwicklung zum Höheren. Darwin war, wie so viele Naturhistoriker seiner Zeit, von der Idee des Fortschritts beseelt.Sein Modell der Evolution ist ein gradualistisches, wonach Evolution kontinuierlich, in unzähligen kleinen Schritten verläuft und eben die Erzeugung von stets „höheren" Lebewesen erlaubt - letztlich hat sie auf diese Weise auch den Menschen hervorgebracht. Und da die Evolution beständig fortschreitet, besteht für Homo sapiens weiterhin die Möglichkeit, sich auch in moralischer Hinsicht zu entwickeln und zu verbessern.. Ja, nach Darwin ist diese Höherentwicklung sogar sehr wahrscheinlich, und wir dürfen auf ein friedfertiges, tugendhaftes Wesen hoffen.

Als „das bedeutungsvollste Resultat"seines Buches Die Abstammung des Menschen sah Darwin selbst die Einsicht, „dass der Mensch von einer niedrig organisierten Form abstammt".Diese Einsicht war damals nicht mehr neu. Zuvor schon hatten der englische Naturforscher Thomas Henry Huxley (1825-1895), der sich selbst als „Darwins Bulldogge" bezeichnete, und der deutsche Zoologe Ernst Haeckel (1834-1919), ein ebenso glühender Verteidiger Darwins, den „äffischen Ursprung" des Menschen deutlich herausgestellt. Darwin hatte, wie so oft, gezögert, wusste er doch, dass diese Schlussfolgerung aus seiner Theorie „für viele ein großes Ärgernis sein" würde.

Und das ist sie bis heute geblieben. Denn Darwin konnte des Menschen„niedere Abkunft" nicht nur hinsichtlich seiner körperlichen Strukturen und Funktionen durch zahlreiche empirische Belege untermauern, sondern deutete auch seine psychischen, geistigen, sozialen und moralischen Fähigkeiten treffsicher als Ergebnisse der Evolution durch natürliche Auslese. Damit begründete er ein umfassendes evolutionäres Menschenbild und nahm moderne Disziplinen wie Evolutionspsychologie und evolutionäre Anthropologie in ihren Grundzügen vorweg. Von der seit der Antike vielfach beschworenen Sonderstellung unserer Spezies in der Natur bleibt in diesem Menschenbild praktisch nichts mehr übrig.

Gleichsam als müsse er diese niederschmetternde Erkenntnis etwas abschwächen oder zumindest diejenigen besänftigen, denen der Gedanke an unsere stammesgeschichtliche Abkunft unangenehm ist, baute Darwin in seine Theorie ein linderndes Argument ein. Seiner Meinung nach hat sich das moralische Gefühl aus sozialen Instinkten entwickelt; und der Mensch ist in der Lage, seine Moralfähigkeit auszuweiten, indem er - durch seine Kultur - seine sozialen Instinkte verbessert.

Für Darwin war es in der Tat eine tröstliche Annahme, dass in der Entwicklungsgeschichte des Menschen der Fortschritt den Rückschritt bei weitem überwiegt und der Mensch „sich aus dem niedrigsten Zustand zur heutigen Höhe seines Wissens, seiner Sittlichkeit und Religion erhoben hat". Gerade der Umstand, dass dem Menschen sein heutiger geistiger und moralischer Status nicht von Anfang an eingeimpft war, sondern erst durch fortschreitende evolutionäre Höherentwicklung möglich wurde, verführte den Naturforscher zu der Hoffnung auf eine weitere Verbesserung des Menschengeschlechts in moralischer Hinsicht. Demnach sollten wir dereinst in der Lage sein, unser Wohlwollen und unsere Sympathie auf alle Angehörigen unserer Gattung und schließlich auf alle Kreaturen dieses Planeten auszudehnen.

Während Darwins Theorie der Evolution durch natürliche Auslese oft als kruder Dschungeldarwinismus gründlich missverstanden und ideologisch missbraucht wurde, zeigt sich also bei näherem Hinsehen, dass Darwin einen Humanismus vertrat, der mit rassistischen Vorstellungen nicht im Einklang steht, so wie bereits der Gedanke an die gemeinsame Abstammung aller Menschen einem Rassismus den Boden entzieht. Ungeachtet unserer jeweiligen ethnischen Zugehörigkeit sitzen wir alle am selben Stammbaumast und sind miteinander - und in abgestufter Form mit allen anderen Lebewesen -verwandtschaftlich verbunden. Darwins revolutionär begründeter, säkularer Humanismus lässt aber auch den individuellen Wert, den jeder Mensch für sich darstellt, deutlich zum Vorschein treten.

Der bedeutende Evolutionsforscher Ernst Mayr (1904-2005), der gelegentlich als „Darwin des 20. Jahrhunderts" bezeichnet wurde, sah in der Ablösung des typologischen zugunsten eines dynamischen Weltbildes eine der besonderen Leistungen Darwins. In der Tat ist das Evolutionsdenken mit dem auf die Antike zurückgehenden typologischen Denken unvereinbar. Darwins Selektionstheorie setzt individuelle Variation voraus und nicht starre, unwandelbare Typen. Nur dem Individuum kommt also Realität zu, während „Rassen" bloß Konstrukte sind, die ideologische Entgleisungen nachgerade herausfordern.

Wenn Darwin selbst Begriffe wie „Rasse",„Wilde" oder gar „Idioten" und „Krüppel" verwendete, dann dürfen wir nicht die Maßstäbe der inzwischen auf sprachlicher Ebene gültigen politischen Korrektheit anlegen, sondern müssen seinen Sprachgebrauch als Widerhall seines Jahrhunderts wahrnehmen. Das gilt insbesondere auch für Sätze wie diese:„Mein Erstaunen beim ersten Anblick einer Herde Feuerländer an einer wilden und zerklüfteten Küste werde ich nie vergessen; denn ganz plötzlich fuhr es mir durch den Kopf: So waren unsere Vorfahren." Darwin kam mit den „Wilden" Feuerlands auf seiner Weltreise mit dem Vermessungs- und Forschungsschiff Beagle in Berührung. Er war damals knapp vierundzwanzig Jahre alt. Wie hätte ein junger Gentleman aus dem Establishment des viktorianischen England diese Menschen denn sonst wahrnehmen können?

Darwin wurde bald klar, dass keine der heutigen Populationen des Menschen unsere Vorfahren repräsentieren könne. Wer daher an seiner Ausdrucksweise Anstoß nimmt, sollte sich verdeutlichen, dass sein Werk keine Anspielungen auf „lebensunwertes" (menschliches) Leben enthält und schon gar nicht die Aufforderung, bestimmte Völker und „Rassen" als minderwertig zu behandeln. Als aufgeklärter Liberaler lehnte Darwin die Sklavenhaltung und den Sklavenhandel ab und war empört, als er auf seiner Weltreise in Südamerika das Elend der Sklaven mit eigenen Augen sehen musste. Sklaverei war für ihn ein Verbrechen. Abermals muss für uns heute Selbstverständliches hier im Licht des 19. Jahrhunderts gesehen werden.

Mit Darwins Selektionstheorie wird nach wie vor ein blutiger Kampf mit Zähnen,Klauen und Hörnern assoziiert, was an der schlichten Tatsache vorbeigeht, dass viele Arten von Lebewesen solche Waffen gar nicht zur Verfügung haben. Tatsächlich meinte Darwin mit dem „Kampf" ums Dasein einen natürlichen Wettbewerb, der sich durchaus unblutig abspielen kann. Er verwies dabei ausdrücklich auf das Pflanzenreich. Nie wird man beispielsweise zwei Nussbäume miteinander kämpfen sehen, dennoch wetteifern auch sie miteinander um Ressourcen - Sonnenlicht und Feuchtigkeit. Der Nussbaum, der sein Blätter- und Wurzelwerk besser entfaltet als ein anderer, wird daher seinem „Kontrahenten" gegenüber auf ganz unglaubliche Weise im Vorteil sein.

Beim Menschen zählte Darwin auf die zunehmende Entfaltung seiner sozialen Instinkte, die den natürlichen Wettbewerb allmählich abschwächen sollten. Er war sich bewusst, dass der Mensch von Natur aus ein Kleingruppenwesen ist, dessen Sympathie und Mitgefühl sich auf nur wenige Individuen seiner Spezies erstreckt. Dabei stützte sich Darwin nicht zuletzt auf Beobachtungen an „Wilden", um in seiner Diktion zu bleiben. Sein Ideal aber war eine Menschheit, in der die Schranken zwischen „Rassen" und Nationen aufgehoben sind und der einzelne Mensch jeden anderen als Mitmenschen zu empfinden gelernt hat,auch wenn dieser ihm persönlich unbekannt ist; eine Menschheit, in der auch die „nutzlosen" Glieder um sich wieder an sein Vokabular anzulehnen) das Wohlwollen aller anderen genießen und in der schließlich auch Tiere mit Respekt bedacht werden.

Aus Darwins Überlegungen spricht also eine tiefe humanistische Gesinnung, die in manchem an Albert Schweitzer (1875-1965) und dessen Philosophie der Ehrfurcht vor dem Leben erinnert. Vom Fortschrittsgedanken seines Jahrhunderts beflügelt, hoffte Darwin, seine Theorie könnte als naturwissenschaftliche Grundlage der sozialen und moralischen Weiterentwicklung des Menschen durch die Kultur dienen - der er allerdings wohl zu viel zutraute. Hätte Darwin auch nur geahnt, dass das 20. Jahrhundert der Menschheit zwei Weltkriege und viele weitere mörderisch ausgetragene Konflikte bescheren würde, wäre er sicher zutiefst darüber erschrocken, wie wenig von seiner Hoffnung übrigbleiben sollte. Und er hätte vielleicht eingesehen, dass des Menschen „niedere Abkunft" nun einmal nicht zu beschwindeln sei, dass sie über all die hehren Ideale wahren Menschentums fortgesetzt obsiegt.

Darwin war in letzter Konsequenz ein Sozialromantiker, was viele, die aus seinem Werk üblicherweise nur eine düstere Theorie herauslesen, mit ihm versöhnen mag .Was er nicht voraussehen konnte, ist die Entwicklung einer „Ellbogengesellschaft" unter den Rahmenbedingungen einer Ökonomie, die mit der wirtschaftlichen Brutalität des beginnenden Industriezeitalters nicht nur vergleichbar ist, sondern diese - mit subtileren Mitteln - in mancher Hinsicht noch übertrifft. „Geiz ist geil" lautet ein Werbeslogan, der mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringt, dass wir uns nicht in Richtung der erwünschten „Darwin-Welt", sondern in großen Schritten von ihr wegbewegen.

Dank der modernen Kommunikationsmittel wie Internet und Mobiltelefon, die Darwin natürlich noch nicht einmal erahnen konnte, ist die Menschheit in der Tat ein wenig zusammengerückt. Wir haben die Möglichkeit, mit Vielen uns persönlich unbekannten Menschen in Kontakt zu treten und diese mit unserem Wohlwollen zu überhäufen. Unsere heutigen Verkehrsmittel erlauben uns, binnen weniger Stunden auf anderen Kontinenten zu landen, um dort Menschen kennenzulernen, die - ungeachtet ihrer Hautfarbe und ethnischen Zugehörigkeit - fühlen und denken wie wir, die gleichen Probleme haben und die gleichen Hoffnungen und Wünsche hegen. Nie zuvor in der Geschichte hatte - jedenfalls in unserer Zivilisation - der einzelne Mensch so viele Gelegenheiten, andere als seine „Brüder" und „Schwestern" wahrzunehmen und das Gefühl der Fremdheit abzubauen. Darüber wäre Darwin sicher in hohem Maße erfreut.

Was aber haben wir aus diesen Möglichkeiten bislang tatsächlich gemacht? In der global verstrickten Menschheit werden neue Schranken zwischen den Völkern und Nationen aufgebaut; steigen Macht und Reichtum weniger Großkonzerne auf Kosten unzähliger kleiner Betriebe; wird die Kluft zwischen Reich und Arm immer größer. Angst und ein schon ins Pathologische gesteigertes Sicherheitsbedürfnis greifen um sich. Wir erleben sie an Flughäfen, wo die immer strenger werdenden Kontrollen daran denken lassen, dass jeder Fluggast als potenzieller Terrorist eingestuft wird. Wir erleben sie in Wahlkämpfen, bei denen jene Politiker Punkte einsammeln, die für ein schärferes Vorgehen gegen Asylanten eintreten. Aus der von Darwin erträumten humanen Gesellschaft, deren einzelne Mitglieder von Mitgefühl und Sympathie füreinander beseelt sind, ist eine Kontrollgesellschaft geworden, in der das Individuum immer weniger zählt und von Geboten und Verboten überhäuft wird.

Darwin konnte freilich auch nicht voraussehen, dass die Menschheit in kürzester Zeit auf über sechs Milliarden Individuen anwachsen würde, was ihrer Existenz neue Rahmenbedingungen aufzwingt. Seine düstere Naturtheorie scheint die heutige Situation des Homo sapiens weit besser zu treffen als seine daraus abgeleitete Sozialromantik, die wir aber, falls uns Humanität noch ein benutzen können. Da die Natur liegt es an uns, unsere sozialen und moralischen Fähigkeiten in die richtige Richtung zu lenken.

Franz. M. Wuketits

 

Charles Darwin - Die Welt der Wissenschaft

Wie viel der ursprünglichen Thesen Charles Darwins der Evolutionstheorie enthalten ist, untersucht diese Ö1-Sendung vom 15.12.2009.