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Schlaf in unserer Leistungsgesellschaft

Vortrag von Jürgen Zulley beim Symposium "Evolution des Schlafes"


Schlafen ist Teil eines körpereigenen „Ruhe-Aktivitäts-Rhythmus", der sich in vielen Funktionen widerspiegelt. Diese Rhythmik zeigt sich zum Beispiel in der Veränderung der Körperkerntemperatur über den Tag hinweg mit einem nächtlichen Minimum und einem Maximum am frühen Abend. Diese Tagesschwankung entspricht dem Verlauf der meisten Lebensfunktionen des Menschen. Für den Schlaf gibt diese Periodizität den optimalen Zeitpunkt für den Schlaf vor.

 

Biologische Rhythmen

 

Sämtliche Leistungsfunktionen zeigen ein „Tief" zwischen 3:00 und 4:00. Zu dieser Zeit ist die Wahrnehmung verzerrt, das Zeitempfinden verändert und körperliche Missempfindungen können auftreten. Verursacht wird dieses „Tief" durch einen biologischen Rhythmus mit einer Periodenlänge von annähernd 24 Stunden (circadiane Rhythmik), welcher praktisch alle Funktionen beeinflusst - ob Stimmung, Leistungsfähigkeit, Körperkraft, Schmerzempfindung oder Schlaf.

 

Neben diesem absoluten Tief um 3 Uhr nachts gibt es noch ein weiteres, wenn auch schwächer ausgeprägt, um 13:00 bis 14:00 Uhr. Der Höhepunkt der Leistungsfunktionen liegt von 10 bis 11 Uhr vormittags und von 17:00 bis 18 Uhr nachmittags. Die Schmerzempfindung ist nachmittags nur ein Drittel so hoch wie morgens, Medikamente wirken ganz unterschiedlich, je nach Tageszeit der Einnahme, Schmerzmittel abends stärker als morgens. In der Tumorbehandlung ist die „maximal tolerable Dosis" viermal so hoch, wenn die Chemotherapie zur richtigen Tageszeit angesetzt wird, mit der Möglichkeit einer deutlich effizienteren Behandlung.

 

Weitere rhythmische Veränderungen beeinflussen den Organismus des Menschen. So sind das Schlaf-Wach-Verhalten, psychologische Messgrößen wie subjektive Wachheit und Leistungsfähigkeit, sowie physiologische Variablen wie Körpertemperatur und orthostatische Kreislaufreaktion auch durch kürzere periodische Veränderungen gekennzeichnet.

 

Diese Funktionen zeigen ein klares Tief um die Mittagszeit. Hierbei handelt es sich um ein Zeitprogramm des Organismus, welches neben der dominierenden circadianen 24-Stunden-Periodik auch noch eine 12-Stunden-Periodik aufweist. Auch im 4-Stundenbereich kommt es zu regelmäßigen, aber schwächer ausgeprägten ultradianen Schwankungen. Aus den Ergebnissen kann gefolgert werden, dass der menschliche Organismus mehreren periodischen Prozessen ausgesetzt ist.

 

Mit diesen biologischen Rhythmen befasst sich die Chronobiologie. Sie untersucht mit streng wissenschaftlichen Methoden die Grundlagen und Beeinflussbarkeit biologischer Rhythmen um mit den Ergebnissen Aussagen über Abweichungen und Störungen dieser Rhythmen sowie deren Behandlung machen zu können. Die Chronobiologie darf nicht verwechselt werden mit dem unwissenschaftlichen Ansatz der sogenannten „Biorhythmik".

 

Merke:
Nahezu sämtliche Funktionen des Menschen unterliegen systematischen tagesperiodischen Veränderungen mit Maximal- und Minimalwerten.

 

Die Innere Uhr

 

Dass es sogenannte „Innere Uhren" sind, die diese Rhythmen auch beim Menschen erzeugen, wurde vor allem durch Isolationsexperimente Anfang der 60-Jahre am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Andechs bei München unter einem der Pioniere der Chronobiologie, Jürgen Aschoff, festgestellt. Freiwillige Versuchspersonen blieben für 4 Wochen völlig isoliert von der Umwelt in einem unterirdischen Versuchsraum und konnten so ihren eigenen spontanen „inneren" Rhythmus leben.

 

Schlafen und Wachen, wie alle anderen gemessenen Funktionen wie Körpertemperatur oder Leistungsfähigkeit, verliefen weiterhin sehr regelmäßig, auch wenn der Rhythmus nicht mehr 24 Stunden betrug, wie in unserem Alltag, sondern systematisch abwich -im Mittel 25 Stunden. Diese Periodik wird auch circadianer Rhythmus genannt (ungefähr ein Tag). Aus diesem Ergebnis ließ sich folgern, dass sogenannte „Innere Uhren" festlegen, wie unsere Rhythmen verlaufen und so die Zeitpunkte der Müdigkeit oder Wachheit bestimmen.

 

Da die innere Uhr nicht im genauen 24-Stunden-Takt läuft, muss sie durch bestimmte Reize justiert werden. Nach anfänglichen Irrtümern stellte es sich Mitte der 80-Jahre heraus, dass das Tageslicht unser wichtigster „Zeitgeber" (Reize, die unsere Uhr beeinflussen) ist. Die Helligkeit des Lichts muss über 2500 Lux betragen, das Lichtspektrum spielt keine maßgebliche Rolle.

 

Als besonders wirksam hat sich hier das kurzwellige blaue Licht erwiesen. Vor allem blaues Licht synchronisiert die innere Uhr und hat aber auch eine direkte aktivierende und stimmungsaufhellende Wirkung. Diese wird bei der sogenannten Lichttherapie benutzt, die Therapie der ersten Wahl bei der Winterdepression.

 

Während der Einsatz des hellen Lichts morgens zu einer erwünschten aktivierenden Wirkung führt, hat die Verwendung abends eher unerwünschte Folgen, da hierdurch Einschlafstörungen hervorgerufen werden können. Von daher ist abends helles oder blaues Licht zu meiden. Leider wird der Einsatz der Energiesparlampen mit ihrem hohen Blauanteil das Risiko erhöhen, dass unsere künstliche Beleuchtung am Abend sowohl die innere Uhr im Sinne einer unerwünschten Verschiebung und damit einer Tendenz zur Desynchronisation biologischer Rhythmen führt, aber auch zu häufigeren Auftreten von Einschlafstörungen.

 

Bei der Suche nach dem anatomischen Substrat der Uhr fand sich in Tierexperimenten der Nukleus Suprachiasmatikus (SCN) im Hypothalamus über der Kreuzung der optischen Sehnerven (Chiasma opticum) als verantwortlich für den rhythmischen Verlauf der Funktionen. Der SCN ist jedoch nicht die „Uhr" im eigentlichen Sinn, sondern ein wichtiger „Schrittmacher", der die endogen erzeugten Rhythmen untereinander und mit dem äußeren Tag-Nacht Rhythmus synchronisiert.

 

Die Signale der Außenwelt erhält der SCN über das Auge. Die von der Retina empfangenen Lichtsignale werden über den retinohypothalamischen Trakt zum SCN weitergeleitet, der dann an das Pinealorgan die Anweisung gibt, die Produktion des Hormons Melatonin zu unterbinden. Über dieses Hormon erfolgt die Synchronisation des körpereigenen circadianen Rhythmus mit dem Tag-Nacht Wechsel.

 

Die molekulargenetische Forschung führte in letzter Zeit zu entscheidenden weiteren Fortschritten in unserem Wissen über die innere Uhr. Biologische Rhythmen werden auf molekularer Ebene erzeugt, die Protein-Synthese des entsprechenden Gens läuft in einem Rückkoppelungsprozeß ab, der sich in einem zirka 24 Stunden Rhythmus auf- und wieder abbaut und so die circadianen Perioden erzeugt.

 

Beim Menschen fanden Wissenschaftler in Familienstudien Hinweise für eine genetische Grundlage zum „Abendtyp" zu tendieren, also eine Phasenverschiebung ihrer circadianen Periodik aufzuweisen Dies wurde kürzlich bestätigt durch die Identifikation eines Kandidaten für ein menschliches Uhren-Gen: hPER2, welches dem PER Gen der Fruchtfliege entspricht und deren Mutationen zu Veränderungen der circadianen Periode beim Menschen führt.

 

Merke:
Die biologischen Rhythmen werden endogen erzeugt, können aber durch Außenreize, vor allem helles Licht, beeinflusst werden.

Der Verlauf biologischer Funktionen

 

Der Verlauf der Körperkerntemperatur zeigt eine ausgeprägte tageszeitliche Veränderung mit einem Maximum am frühen Abend und einem Minimum am frühen Morgen. Der Abfall der Temperatur beginnt einige Stunden vor dem Schlafengehen und hält bis gegen 3:00 Uhr an. Anschließend erfolgt der Anstieg bis in den Vormittag. Der Temperaturunterschied zwischen Minimum und Maximum kann bis zu 1,5 °C betragen.

 

Der Blutdruck variiert sowohl bei gesunden Probanden, wie auch bei kreislaufkranken Patienten, in einem regelmäßigem Tag-Nacht-Rhythmus, bei denen die nächtlichen Werte etwa 20% niedriger als die Tagwerte liegen. Das eigentliche Minimum liegt in der Zeit zwischen 2 und 3 Uhr morgens. Im weiteren Verlauf kommt es vor dem eigentlichen Erwachen zu einem Blutdruckanstieg, ohne dass gleichzeitig die Herzfrequenz ansteigt.

 

Bei der Herzfrequenz findet sich im tageszeitlichen Ablauf ein zirkadianer Rhythmus mit den niedrigsten Werten während der Nacht und einer Herzfrequenzsteigerung nach dem Aufwachen. Tagsüber findet sich gegen Mittag ein Maximum bei bettlägerigen Patienten. Die Herzfrequenz wird deutlich stärker als der Blutdruck durch psychische und physische Einflüsse verändert.

 

Auch die Lungenfunktion unterliegt ausgeprägten tageszeitlichen Schwankungen. Nachts erfolgt gewöhnlich eine Zunahme des Atemwegswiderstandes und eine Abnahme der Lungenfunktionen. Zusätzlich finden sich vor allem während des Schlafs Schwankungen im kürzeren ultradianen Bereich, die jedoch gegenüber den zirkadianen Schwankungen von untergeordneter Bedeutung sind.

 

Die Hormonkonzentration im Plasma zeigt für viele Hormone und Neurotransmitter bzw. deren Abbauprodukte eine tageszeitliche Variation. Der tageszeitliche Verlauf der Konzentrationen von Hormonen und Neurotransmittern zeigt überwiegend ein Minimum in der ersten Nachthälfte und einen Anstieg in den frühen Morgenstunden mit insgesamt höheren Werten während des Tages. Einen unterschiedlichen Verlauf zeigt das schlafabhängige Wachstumshormon wie auch die Aktivität des parasympathischen Systems, abzulesen z.B. am Neurotransmitter Acetylcholin, mit höheren Werten während der ersten Nachthälfte.

 

Die nächtliche Ausschüttung von Wachstumshormon scheint an das Auftreten von Tiefschlaf gebunden zu sein, welcher wiederum nur in den ersten 4 Stunden des Schlafs auftritt. Mit Beendigung der Wachstumshormonausschüttung beginnt die Ausschüttung von Kortisol bis in den frühen Morgen. Diese tageszeitliche Ausschüttung von Kortisol wird nicht durch den Schlaf beeinflusst.


Merke:
Die Nachtzeit ist durch ein allgemeines Tief der Leistungsfunktionen und erhöhte Müdigkeit gekennzeichnet. Da diese Verläufe biologisch verankert sind, können sie nicht willkürlich verändert werden.

 

Der Schlaf

 

Der Schlaf ist, entgegen dem äußeren Anschein, ein hochaktiver, regelhaft sich ändernder Prozess. Er ist charakterisiert durch einen zeitlich begrenzten Zustand reduzierter Bewußtseins- und Aktivitätslage. Ein Bewußtsein fehlt entweder oder ist - im Traumgeschehen - verändert. Die motorische Aktivität ist, neben einer allgemeinen Verringerung, gekennzeichnet durch das Fehlen einer zielgerichteten Motorik.

 

Die Reagibilität des Organismus auf Umweltreize ist im Schlaf eingeschränkt. Im Gegensatz zum komatösen Zustand kann der Schlaf jedoch jederzeit durch entsprechende Reize unterbrochen oder beendet werden. Der Schlaf ist eingebettet in den zirkadianen Rhythmus und sein optimaler Zeitpunkt ist von der inneren Uhr vorgegeben. Dies ist der Zeitraum um das zirkadiane Temperaturminimum (nachts gegen 3.00 bis 4.00 Uhr).

 

Viele andere Funktionen zeigen hier, wie bereits oben beschrieben, ebenfalls Maximal- bzw. Minimalwerte. Der zeitliche Zusammenhang dieser Verläufe läßt sich beschreiben als ein Überbrücken eines Zeitraums ausgeprägter Funktionsineffektivität und Labilität der verschiedenen Organsysteme mit Schlaf. Der normalen Aktivität antagonistisch arbeitende Funktionen können dann zu diesem Zeitpunkt maximal tätig sein (Verdauungsfunktionen, Hormonausschüttungen).

 

Hierin könnte eine der Funktionen des Schlafes liegen: Überbrückung eines Zeitraumes, der für die Interaktion mit der Umwelt ineffektiv ist und gleichzeitig die Möglichkeit zur Aktivierung von Funktionen bietet, die mit motorischer Aktivität inkompatibel sind. Der Organismus hat sich über die innere Uhr auch an die äußeren Bedingungen angepasst und legt den Zeitraum für Schlaf während der dunklen Nacht fest. Hier sind sowohl die äußeren Bedingungen (Dunkelheit, Kälte, Monotonie) als auch die inneren Bedingungen (geringe Leistungsfähigkeit, Kreislauflabilität, Müdigkeit) dafür geeignet, sich von äußeren Aktivitäten zurückzuziehen und die Zeit für Erholung und Regeneration zu nutzen.

 

Schlafstadium 1 ist mit reinen Theta-Wellen besetzt, die vor allem während des Einschlafens auftreten. Schlafstadium 2 ist der Schlaf, der die meiste Zeit einer Nacht oder einer anderen längeren Schlafperiode einnimmt; in Stadium 2 gibt es Theta-Wellen und Schlafspindeln sowie K-Komplexe. Die Schlafstadien 3 und 4 sind die Tiefschlafstadien. Während des Tiefschlafs ist der Schläfer schwer erweckbar.

 

Neben diesen vier Schlafstadien finden wir noch das Schlafstadium REM (Rapid Eye Movement). Das REM-Stadium ist definiert durch die schnellen Augenbewegungen, durch eine Atonie der Haltemuskulatur und ein EEG mit Theta-Wellen. Die Atonie ist bedingt durch eine zentrale Lähmung. Im Stadium REM finden wir auch eine erhöhte phasische Aktivierung verschiedener Funktionen. Dies betrifft zum Beispiel Atmung und Herzschlag, aber auch regelmäßige Erektionen.

 

Bei Weckungen aus dem REM-Schlaf berichten über 80 % der Geweckten über lebhafte Träume. Seitdem gilt REM als das Traumstadium, obwohl inzwischen belegt ist, dass auch in anderen Schlafstadien, wenn auch deutlich seltener, traumähnliche aber realitätsnähere Bewusstseinsinhalte erinnerlich sind. Weckungen aus dem REM-Schlaf sind unterschiedlich leicht, offenbar abhängig vom aktuellen Trauminhalt.

 

Nächtliches Erwachen ist relativ häufig. Nach einer Kölner Studie finden pro Stunde 4 Aufwachreaktionen statt, somit 28 kurzfristige Wachphasen. Die Erinnerung daran hängt jedoch von der Dauer der Wachphase ab. Als Minimum für morgendliche Erinnerung werden 3 Minuten angegeben. Diese Erinnerung bezieht sich sowohl auf eine Wachphase wie auch auf die Erinnerung an Träume.

 

Dieses nächtliche Erwachen kann von Betroffenen als Schlafstörung interpretiert werden und eine hiervon ausgehende Aktivierung kann dazu führen, dass die betreffende Person wach bleibt.

Neuere Untersuchungen zeigen, dass während des Schlafens Prozesse der Gedächtnisbildung aktiviert werden, die nicht nur zur einer Konsolidierung von Inhalten führen sondern auch Verarbeitungsprozesse zu Lösungen von Problemen führen können. Unterschieden werden hierbei deklarative Lernvorgänge im Tiefschlaf und die prozedurale Gedächtnisbildung im REM-Schlaf.

 

Weitere Untersuchungen belegen, dass das Einschlafen, wie auch der Schlaf selber als regionale Prozesse zu verstehen sind. Offenbar können einzelne Hirnareale unabhängig voneinander in den Schlafmodus übergehen. Auch im Schlaf erholen sich die Hirnregionen unabhängig und je nach erfolgter Beanspruchungen. Ein solch partielles Schlafes findet sich bei manchen Tierarten in noch deutlicherer Form. So kann der Delphin abwechselnd mit der rechten oder linken Gehirnhälfte schlafen.

 

Merke:
Der Schlaf ist ein aktiver aber regionaler Prozess, der vor allem durch eine Umorganisation verschiedener Prozesse gekennzeichnet ist und der Grundvoraussetzung für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden darstellt.


Der Mittagsschlaf
Der Schlaf ist nicht nur an die Nachtzeit gebunden ist, sondern die zugrundeliegende Regulation ist auch auf Tagschlafphasen eingestellt. In Untersuchungen, die das Auftreten von Schlaf während des Tages ermöglichten, fand sich neben der Hauptschlafphase während der Nachtzeit auch ein zweiter bevorzugter Zeitpunkt für Schlaf. Der Tagschlaf trat mithin nicht beliebig, sondern zu einer ganz bestimmten Zeit auf.

 

Das Auftreten einer zweiten Schlafphase während des Tages entspricht im Alltag dem Mittagsschlaf. Dessen Auftreten scheint davon abzuhängen, ob die Umweltbedingungen eine solche Ruhephase zulassen. Kinder und ältere Menschen halten in der Mehrzahl einen kurzen Tagschlaf.. Ebenso gehört ein Mittagsschlaf in der nicht-industrialisierten Umwelt zum Alltag.

 

Die Befunde weisen darauf hin, daß die zweite bevorzugte Schlafphase eine biologischen Grundlage hat. Dies bedeutet nicht, daß der Mensch hier schlafen muß, denn je nach Motivation und Umgebungsbedingungen kann dieser Zeitpunkt auch ohne Schlaf übergangen werden. Offenbar ist die "mittägliche" Schlafphase weniger stark ausgeprägt als die nächtliche Phase. Gleichzeitig entspricht sie jedoch dem Zustand des Organismus in der zweiten Nachthälfte, da viele psychologische und physiologische Variablen zu diesem Zeitpunkt auch ohne Schlaf einen vergleichbaren Verlauf wie in der Nacht zeigen.

 

Eine Verringerung der Leistungsfähigkeit, größere Fehlerrate, verstärkte Müdigkeit sowie eine Absenkung der Körpertemperatur, unabhängig von einer Mahlzeiteneinnahme weisen darauf hin, daß der Organismus einen ähnlichen Umstellungsprozeß wie in der zweiten Nachthälfte erfährt. Dies spricht für eine Ruhephase zu diesen Zeitpunkten. Der Gesamtorganismus ist demnach von seiner Kapazität her grundsätzlich nicht auf eine lange Aktivitätsdauer und eine einzige Ruhephase innerhalb eines Tages eingestellt, sondern zeigt in der Aktivitätsphase zumindest noch einen Wechsel in die Ruhephase.


Schlafstörungen

 

Gestörter Schlaf führt nicht nur zu Übermüdung. Langfristige Störungen des Schlafes bedeuteten auch eine Beeinträchtigung der Befindlichkeit, Gesundheit und der Leistungsfähigkeit am Tage. Sie können zu Folgeerkrankungen führen und diese erhöhen die Multimorbiditäts- und Mortalitätsrisiken. Zu nennen sind hier beispielsweise Bluthochdruck, Magen-Darm Erkrankungen sowie psychiatrische Erkrankungen wie Depression.

 

Nur ein Bruchteil dieser Schlafstörungen wird diagnostiziert und behandelt. So entstehen jährlich indirekte Kosten in Milliardenhöhe, die durch eine angemessene schlafmedizinische Versorgung vermieden werden könnten. Die Konsequenzen dieser Ignoranz biologischer Gegebenheiten betreffen nicht nur die Einzelschicksale, sondern sind viel breiter einzukalkulieren. Volkswirtschaftliche Überlegungen zu den finanziellen Folgen der übermüdungsbedingten Unfälle führen allein in Deutschland zu ca. 10 Milliarden Euro Folgekosten pro Jahr.

 

Beschrieben werden insgesamt 88 verschiedene Formen von Schlafstörungen. Die Therapie zielt vor allem auf die Beseitigung der wichtigsten Konsequenz von Schlafstörungen, der Tagesmüdigkeit. Eine kanadisch-deutsche Studie zeigt die Insomnie (Ein- und Durchschlafstörungen) mit 6 % an der Spitze. Bei den Ein- und Durchschlafstörungen liegen oftmals psychische Gründe vor, aber auch ein falscher Umgang mit dem Schlafbedürfnis kann die Ursache sein.

 

Selbstverständlich muss immer ausgeschlossen werden, dass eine bisher nicht erkannte körperliche Ursache zu der Schlafstörung führt. Psychische Erkrankungen, besonders Depressionen, stören den Schlaf oft erheblich. Bei der häufigsten Form der Schlafstörung, der Insomnie haben sich vor allem präventive Maßnahmen bewährt.

 

Merke:
Die Langzeitfolgen von Schlafstörungen werden unterschätzt. Chronische Schlafstörungen können zu ernsthaften Erkrankungen führen. Der Schlaf besitzt in unserer heutigen Leistungsgesellschaft kein hohes Ansehen mehr. Schlaf ist vergeudete Zeit und „Time is money". Aber der Schlaf ist eine unabdingbare Grundvoraussetzung für Leistung. Nur „ausgeschlafene" Zeitgenossen können den Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft gerecht werden.

 

Das Ignorieren der biologischen Rhythmik

 

Die Nichtbeachtung der vorgegebenen biologischen Rhythmik führt, wie gestörter Schlaf zu Tagesmüdigkeit, zu Übermüdung. Denn der Mensch läuft als biologisches Wesen keineswegs non-stop wie die Maschinen, sondern nach den Vorgaben seiner Inneren Uhr. Wir könnten ihre Vorgaben überspielen. Das aber hat seinen Preis: Wir sind nicht nur subjektiv müde, sondern leisten objektiv weniger und machen mehr Fehler und verursachen Unfälle.

 

Maschinen brauchen keine Pausen, im Gegenteil. Maschinen sollen ausgelastet werden und non-stop laufen. Der Mensch aber ist eben eine schlechte Maschine. Dennoch arbeiten wir, als gäbe es unsere Innere Uhr überhaupt nicht: Wir passen uns den Maschinen an. Die wissenschaftlichen Ergebnisse, die nachweisen, wie Fehler, Tageszeit und Müdigkeit zusammenhängen, sind nicht neu. Aber sie haben bisher wenig Beachtung gefunden.


Was die kleinen Fehler durch Müdigkeit oder menschliches Versagen kosten, wird meist unterschätzt, schließlich sind sie ja nur klein. Den Gedanken, dass ein falscher Handgriff eines übermüdeten Kontrolleurs eine Katastrophe auslösen kann, hält man in der Regel für weltfremd. Leider ist er lebensnäher, als uns lieb sein kann. Die Analyse größerer Katastrophen zeigt, dass bei deren Ursachen die Übermüdung eine unerwartet große Rolle spielt.

 

Der Trend geht jedoch immer mehr dahin, kontinuierliche Leistung zu erwarten und zu erbringen, so dass Menschen immer auch in Zeiten arbeiten, zu denen sie müde sind. Natürlich fordert unser Lebensstil, dass immer Menschen gegen ihre Innere Uhr arbeiten müssen: Krankenhäuser, Polizei und Rettungsdienste, Energiewesen und Transportwesen setzen voraus, dass Millionen Menschen rund um die Uhr verfügbar sind. Aber wir sollten hiermit sparsam umgehen. Es kostet Unsummen.

 

Schlafende Menschen können eben keine Maschinen bedienen und übermüdete Menschen machen Fehler, die fatale Folgen haben können. Die Katastrophe im Atomreaktor in Tschernobyl wurde durch Fehler des Wartungspersonals nach stundenlangem Warten am frühen Morgen verursacht. Das Tankerunglück der "Excon Valdez" geschah nach langwierigen Bunkerarbeiten in der Nacht, durch eine übermüdete Mannschaft. Der gefährliche Störfall des Atomreaktors "Three Mile Island" Harrisburg, wurde nach amtlichen Angaben durch „menschliches Versagen" um 4:00 Uhr morgens ausgelöst. Der Absturz der Raumfähre "Challenger" wurde mitverursacht durch Entscheidungen der Verantwortlichen am frühen Morgen nach weniger als 2 Std. Schlaf.

 

Beinahe-Unfälle in der Luftfahrt verursacht durch Übermüdung der Piloten im Cockpit sind häufiger, als dies in der Allgemeinheit bekannt ist. Die Mehrzahl der schweren Verkehrsunfälle auf Autobahnen wird durch Übermüdung verursacht.


Die Konsequenzen dieser Ignoranz biologischer Gegebenheiten betreffen nicht nur die Einzelschicksale, sondern sind viel breiter einzukalkulieren. Volkswirtschaftliche Überlegungen zu den finanziellen Folgen der übermüdungsbedingten Unfälle führen allein in Deutschland zu ca. 10 Milliarden Euro Folgekosten pro Jahr.

Diese Zahlen unterstreichen auf eindrucksvolle Weise nicht nur die Bedeutung der biologischen Rhythmen, sondern auch die Notwendigkeit eines gesunden Schlafes, der für die Erhaltung der vollen Leistungsfähigkeit erforderlich ist.

 

Wo dieser Schlaf auf Dauer gestört wird, muß nicht nur, wie bereits erwähnt mit hohen Folgekosten gerechnet werden, sondern auch mit chronischen Folgeerkrankungen. Als Beispiel mag die Schicht- oder Nachtarbeit dienen. Der Anteil der Schichtarbeiter an der Zahl der Beschäftigten beträgt 10 % bei steigender Tendenz.

 

Vor allem bei Nachtschicht ist der Arbeiter gezwungen, zu einer Zeit zu schlafen, in der unsere Umwelt Tag signalisiert und zu arbeiten, wenn diese Nacht anzeigt. Somit arbeitet und schläft der Schichtarbeiter gegen seine eigenen biologischen Rhythmen. Auf lange Sicht kommt es zu gravierenden körperlichen und psychischen Schädigungen. Magenbeschwerden wurden von 80% der Nachtarbeiter angegeben. Neben neurovegetativen Beschwerden werden von bis zu 95% der Schichtarbeiter Schlafstörungen genannt. Selbst nach Beendigung der Schichtarbeit leiden 70 bis 90% der ehemaligen Schichtarbeiter unter Schlafstörungen.

 

Im September 1994 tagte in Stockholm eine internationale Konferenz zum Thema "Arbeitszeiten, Übermüdung und Unfälle". Die dort versammelten Wissenschaftler verabschiedeten zum Schluss eine Konsenserklärung.


"Die unterzeichnenden Wissenschaftler aus verschiedenen Nationen untersuchen allesamt, wie sich Arbeitszeiten, Nachtschichten und unzureichender Schlaf auf die menschliche Leistungsfähigkeit auswirken, und wie man das [daraus resultierende Wissen] für Sicherheitsvorkehrungen und Unfallverhütung nutzen kann. Wir alle sind von folgenden Punkten überzeugt:


1. Der Schlaf [des Menschen] ist ein zentrales und lebenswichtiges biologisches Grundbedürfnis.


2. Wird dieses Bedürfnis missachtet, etwa durch zu kurze Schlafdauer oder durch Nachtarbeit, so können die Folgen weiter reichen, als viele wahrhaben wollen. Die schädlichen Auswirkungen von chronischem Schlafentzug, ungenügendem oder gestörtem Schlaf addieren sich. Mit jedem Faktor riskiert man mehr Fehler und Unfälle.


3. Sehr lange Arbeitswege, finanzielle und soziale Anreize erhöhen ständig den Druck, länger am Stück zu arbeiten und die Arbeit selbst zu verdichten. Das kann die Müdigkeit weiter verschärfen, die ihrerseits die Arbeitsleistung beeinträchtigt.


4. Weltweit schlafen Nachtschichtarbeiter bei der Arbeit oder während der anschließenden Heimfahrt häufig ein; dadurch steigt die Unfallhäufigkeit.


5. Auf Fernstraßen und Stadtautobahnen ist die Gefahr einschlafbedingter Unfälle besonders hoch, insbesondere zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens sowie am frühen Nachmittag. Zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens steigt das Risiko für Straßenverkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang deutlich an. In mehr als die Hälfte davon sind junge Männer unter dreißig Jahren verwickelt, selbst wenn Alkohol als Unfallursache bereits ausgeschlossen ist. Die derzeitige Unfallberichterstattung unterschätzt aller Wahrscheinlichkeit nach, wie häufig Verkehrsunfälle auf Einschlafen zurückzuführen sind.


6. Da Ermüdung die Leistungsfähigkeit deutlich beeinträchtigt, zieht sie vermutlich viel häufiger Industrie- und Verkehrsunfälle nach sich, als sich das in den offiziellen Untersuchungen und Statistiken niederschlägt.


7. Fehlende oder unzureichende Arbeitszeitregelungen gefährden in vielen Ländern die öffentliche Sicherheit. Das gilt vor allem für Branchen, in denen die Arbeit der Beschäftigten direkt auf die eigene Sicherheit zurückwirken kann, auf die öffentliche Sicherheit oder gar auf die Umwelt (zum Beispiel Verkehr, Chemie, Kernenergie)."

 

Jürgen Zulley ist Professor am Universitäts- und Bezirksklinikum Regensburg

 

Literatur

Zulley, J (2005). Mein Buch vom guten Schlaf. München: Zabert Sandmann


Informationen:

Tel 0049 941 9428271
www.schlaf-medizin.de

 

Charles Darwin - Die Welt der Wissenschaft

Wie viel der ursprünglichen Thesen Charles Darwins der Evolutionstheorie enthalten ist, untersucht diese Ö1-Sendung vom 15.12.2009.