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Darwin und Foucault

Serien bilden, Namen geben

 

Der Historiker Philipp Sarasin begreift in seinem Buch Darwin und Foucault als Kollegen: Beide trieben Fragen der Genealogie um, beide entdeckten nicht nur eine, sondern viele Herkünfte. Eine Rezension von Stefan Niklas

 

Michel Foucault forderte 1983 in einem Gespräch, man müsse "eine anspruchsvolle, vorsichtige, ,experimentelle' Haltung" haben. Zweifellos hat er damit sich selbst charakterisiert. Doch während Foucault 25 Jahre nach seinem Tod dabei ist, als Klassiker eingesargt zu werden, übernehmen glücklicherweise andere diese Haltung.

 

Philipp Sarasin ist so einer. Der Professor für Neuere Allgemeine Geschichte in Zürich nimmt diese experimentelle Haltung gekonnt ein. In seinem 400-seitigen Essay "Darwin und Foucault. Genealogie und Geschichte im Zeitalter der Biologie" kippt er Foucaults mit Charles Darwins Denken zusammen "wie zwei korrosive Säuren" unter Laborbedingungen. Warum aber gerade diese beiden?

 

Säurebad des kritischen Denkens

 

Sarasins Buch ist zu überlegt, zu sorgfältig, als dass es sich nur um ein Konjunkturprodukt handeln könnte. Sein experimentelles Interesse gilt mit Darwin und Foucault zwei Denkern, die fest Geglaubtes im "Säurebad ihres kritischen Denkens" zersetzten und dadurch ihren wissenschaftlichen Ruhm begründeten. Hinter den Namen dieser Größen steht der vermeintliche Gegensatz von kulturalistischem und biologistischem Denken. Sarasin zielt auf den Schnitt zwischen Natur und Kultur, der "zum Mantra" wurde, "der unseren akademischen Seelenfrieden garantiert".

 

Indem er Foucault als Repräsentant der "Kultur" und Darwin als Ikone der "Biologie" parallel liest, will er diesen Seelenfrieden stören. Dabei kann er tatsächlich faszinierende und unerwartete Ähnlichkeiten der Denkmodelle herausarbeiten. Zentral ist, dass beide an einer "Epistemologie des Konkreten" gearbeitet hätten. Diese sollte jeweils bestimmen helfen, wie ein "Ereignis" eines individuellen Organismus oder das "Ereignis" einer historisch singulären Aussage überhaupt möglich werden konnte. So ist es Darwin und Foucault gemein, "Serien" zu montieren. Serien von Organismen oder eben Aussagen, deren Zusammenstellung wie ein "Kraut und Rüben" unterschiedlichster Objekte aussieht. Beide hofften durch diese Serien Hinweise über die Funktionsweisen und die Genese ihrer jeweiligen Objekte zu erhalten. Und beiden war klar: Man kann sich solche Serien von Lebewesen oder von Aussagen und Praktiken in Form einer "Entwicklung" vorstellen - aber einen "Sinn" oder ein Ziel hinter dieser Geschichte sehen beide so wenig wie einen Ursprung.

 

Genealoge und Nominalist

 

Nein, auch Darwins Evolutionshypothese postuliert gerade keinen Ursprung. Der britische Biologe interessiert sich überhaupt nicht dafür. Denn, wie Sarasin feststellt, war Darwin Genealoge und Nominalist, genau wie Foucault ein Jahrhundert später. Als Genealogen entdecken beide nicht nur einen, sondern immer viele Herkünfte. Sie entdecken Kräfte und Konflikte in Fragen der Anpassung (Darwin) oder der Diskurse und der Macht (Foucault), stoßen aber niemals auf eine "Wahrheit". Als Nominalisten sind sie sich bewusst, dass sie ihren Phänomenen immer nur Namen geben. Namen wie zum Beispiel "Kampf ums Überleben", die dem Gemeinten so etwas wie eine Adresse geben, aber immer Metapher bleiben.

 

 

Ohne Geist vollzieht es sich

 

Die Darwin-Rezeption ist ja gerade deswegen so verheerend, weil wörtlich genommen wurde, was metaphorisch gemeint war. Doch, wie Sarasin auf den Punkt bringt: Eine "Metapher ist nicht bloß ein passives Instrument, sondern infiziert die Erkenntnis".

 

Geschickt fördert Sarasin Überraschungen zutage, bei denen Foucault und Darwin geradezu die Seiten tauschen. So erscheint das Denken von Foucault als tendenziell naturwissenschaftlich, weil es sich in faktischen Regelmäßigkeiten ohne einen darin enthaltenen "Geist" vollzieht. Und Darwin wird zum Zeichentheoretiker, wenn er im Kontext seines Modells der sexual selection von der "Ästhetik" und den Wahlmöglichkeiten bei der Fortpflanzung spricht.

 

Erkenntnis und Ansicht

 

Durch solche Gegenüberstellungen kann Sarasin den ausgemachten Schnitt zwischen "Kulturalismus" und Biologie sehr elegant denunzieren. Es stellt sich aber natürlich die Frage, inwiefern Foucault Darwin auch tatsächlich selbst rezipiert hat. Hierfür kann sich Sarasin nicht auf allzu viel Material stützen - Foucault hat zwar scharf den Darwinismus kritisiert, aber nur an wenigen Stellen in seinem umfassenden Werk geht er tatsächlich auf den Biologen ein. Immer wieder muss sich Sarasin hierfür Nietzsche als Foucaults großes Vorbild und eifrigen Darwin(ismus)-Kritiker heranziehen, der zum vermittelnden Glied in der Serie Darwin-Nietzsche-Foucault wird. Doch geht es dem Züricher Historiker ja auch gar nicht um die Darstellung von Foucaults Einflüssen oder darum, wie sich Darwin etwa durch die Brille namens Foucault besser verstehen ließe. Stattdessen geht es um die "Wahlverwandtschaft" der Denkweisen. Sarasin weiß, dass dieses "Experimentalsystem", das er sich aus Darwin und Foucault geschaffen hat, nur "eine Weile lang" Einsichten liefert. Und so beendet er sein Buch auch im richtigen Moment.

 

Philipp Sarasin: "Darwin und Foucault. Genealogie und Geschichte im Zeitalter der Biologie". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 455 Seiten, 24,95 €

Charles Darwin - Die Welt der Wissenschaft

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