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Eine Zwischenbilanz

Die erste Hälfte des Darwin-Jahres ist vorbei.

 

Der renommierte Darwin-Forscher und Kenner Franz M. Wuketits schildert seine Ansicht der Aktivitäten, Veranstaltungen und Symposien.

 

Zwischenbilanz zum Darwin-Jahr

Es ist unübersehbar: Darwin ist überall. Welches Resümee lässt sich aus den zahlreichen Veranstaltungen – Symposien, Einzelvorträgen, Diskussionen –, die allein in Wien zum Darwin-Jahr bereits stattgefunden haben, ziehen? Gibt es so etwas wie einen gemeinsamen Nenner oder zumindest eine klar erkennbare Richtung?


Darwins Grundideen haben sich als korrekt erwiesen

„Nichts in der Biologie macht einen Sinn, außer man betrachtet es im Lichte der Evolution“ – dieser Satz des bedeutenden Genetikers und Evolutionsforschers Theodosius Dobzhansky (1900-1975) findet heute unter Biologen allgemein Zustimmung. Alle an Lebewesen beobachtbaren Phänomene – Strukturen, Funktionen, Verhaltensweisen – finden letztlich nur unter dem Aspekt der Evolution eine befriedigende Erklärung. Evolution wird heute auf allen Ebenen der Lebewesen – vom Molekül bis zum Gesamtorganismus – und auf überindividueller Ebene (Populationen, Ökosysteme) erfolgreich  studiert. Die Evolutionsbiologie geht dabei natürlich über Darwin hinaus, die Evolutionstheorie hat in den letzten 150 Jahren selbst eine Evolution durchlaufen. Von Genen und Molekülen konnte Darwin nichts wissen. Aber: „Die Grundideen von Darwin sind korrekt: Mit Variation und Selektion lässt sich die Veränderung von Arten erklären“ (Gerd B. Müller).

Das trifft selbstverständlich auch auf unsere eigene Spezies zu. Doch die Erforschung unserer Stammesgeschichte geht ebenso über Darwin hinaus. Gerade in den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich das Bild der Herkunft und Entwicklung des Homo sapiens gründlich verändert. Zugleich wird Darwins grundlegende Aussage, „dass der Mensch von einer weniger hoch organisierten Form abstammt“, auf Schritt und Tritt bestätigt. Die Betrachtung des Menschen aus evolutionstheoretischer Perspektive zeigt freilich weitreichende Konsequenzen.


Die Evolution ist nicht zu beschwindeln

Unsere Zivilisation – ein sehr junges Produkt der Evolutionsgeschichte – überfordert ein Lebewesen, dessen Vorfahren über Jahrmillionen als Jäger und Sammler in kleinen Gruppen gelebt und sich an bestimmte (biologische) Rhythmen angepasst haben. So wird beispielsweise, wie das Symposium vom 17. März deutlich machte, in unserer Leistungsgesellschaft die Bedeutung des Schlafs unterschätzt. Schlafstörungen sind die Folge – und die können sehr schädliche Folgen haben. Von diesem Beispiel ausgehend öffnet sich der Medizin ein weites Feld. Allerdings wird – auch auf internationaler Ebene – die Bedeutung der Evolutionstheorie für die Medizin erst allmählich wahrgenommen. Dabei ist es nahe liegend, die Medizin an die Evolutionstheorie anzubinden: Der Mensch ist ein Resultat der Evolution durch natürliche Auslese, was naturgemäß auch sein Wohlbefinden und sein Unwohlsein mitbestimmt. Wir können gegen unsere stammesgeschichtliche Mitgift nicht erfolgreich ankämpfen.


Mit Darwin aus der Krise?

In diesem Zusammenhang melden sich notorisch alle diejenigen zu Wort, die nach wie vor daran festhalten, dass der Mensch ein „Geist-„ oder „Kulturwesen“ sei und sich von seiner evolutionären Vergangenheit gleichsam entbinden könne. Andererseits gibt es viele Bemühungen, Darwin und die Theorie der Evolution durch natürliche Auslese auch auf Gebiete außerhalb der Biologie anzuwenden und etwa die derzeitige Wirtschaftskrise auf diese Weise zu erklären.

Das Symposium der Österreichischen Gesellschaft für Warenwissenschaft und Technologie im Mai stand im Zeichen der Evolution, wobei unter anderem deutlich wurde, „dass in der heutigen Ökonomie das ‚Schweineprinzip’ vorherrscht“ (Erhard Oeser), nach dem Motto, „Wenn etwas gut ist, ist mehr davon besser“. Aus der Evolution sollten wir freilich gelernt haben, dass Krisen und Katastrophen ein natürlicher Zustand sind, die Evolution – wie schon der Nobelpreisträger Manfred Eigen sagte – „eine unumkehrbare Abfolge von Katastrophen“ darstellt. Hilft uns diese Einsicht? Ja, insofern, als wir erkennen sollten, dass unkluges, bloß von Gier geleitetes Handeln („Schweineprinzip“!) die natürlichen Katastrophen, gegen die wir wenig anrichten können, nur noch verstärkt – und das sogar mit hoher Beschleunigung.


Überleben durch Kooperation

Gegen eine politisch motivierte Vereinnahmung seiner Ideen hat sich Darwin stets gewehrt, freilich mit nur mäßigem Erfolg. Wogegen er sich heute besonders heftig wehren würde, ist der „Dschungeldarwinismus“ in einer ausschließlich am Wettbewerb orientierten, von Profit und Kapital gelenkten Wirtschaftspolitik. Man kann es nicht oft genug sagen, dass Darwin mit dem survival of the fittest nicht das „Überleben der Stärksten“ meinte. Leider vermitteln manche Medienberichte zum Darwin-Jahr gerade den gegenteiligen Eindruck. Zu den großen Irrtümern in der Interpretation der Theorie Darwins gehört seit jeher der Glaube, dass sich die Natur „gut“ verhält und uns moralische Richtlinien in die Hand gibt.



Darwin wusste es besser. 
 

Selbstverständlich wird auch das gesellschaftliche und politische Verhalten und Handeln des Menschen von seiner „niederen Abkunft“ mitbestimmt. Aber neben Konkurrenz und Wettbewerb traten früh in unserer Evolution auch kooperatives und helfendes Verhalten. Sie haben an unserem bisherigen evolutionären Erfolg einen hohen Anteil. Es liegt an uns, die gesellschaftlichen beziehungsweise politischen Rahmenbedingungen so zu definieren, dass diese Verhaltensformen verstärkt in Erscheinung treten. Darwin, der ein großer Humanist war, würde sich freuen, wenn wir einsehen würden, dass unser Überleben als Spezies von der Bereitschaft zur Kooperation abhängt.


Der Kulturkampf scheint auszubleiben


Und wie steht es mit dem Konflikt zwischen Evolution und Glaube? Bereits im Dezember 2008 konnte man im „Falter“-Magazin heureka! über eine Studie betreffend die Akzeptanz der Evolutionstheorie in der Öffentlichkeit lesen. Demnach glauben nur 55 Prozent der Österreicher und Österreicherinnen, dass sich der Mensch aus früheren Tierarten entwickelt habe. In skandinavischen Ländern, aber auch etwa in Frankreich oder Spanien liegt dieser Prozentsatz deutlich höher. (Dass er in den USA und in der Türkei noch um einiges niedriger liegt, kommt wenig überraschend.)

Dennoch artikulieren sich kreationistische Umtriebe in Österreich scheinbar doch schwächer als etwa in unserem Nachbarland Deutschland (wo jener Studie zufolge 65 Prozent an die „niedere Abkunft“ des Menschen glauben). Und Kardinal Schönborn hat seine Thesen zum intelligent design von 2005 anlässlich des Symposiums der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im März dieses Jahres abgeschwächt. Befindet sich die Evolutionstheorie hierzulande neuerdings auf dem Vormarsch? Oder liegt es an der sprichwörtlichen „Wurschtigkeit“, dass mehr als die Hälfte unserer MitbürgerInnen zwar nicht an die Evolution glauben, aber gegen die Evolutionstheorie auch nichts unternehmen wollen? Wie auch immer, ein Kulturkampf jedenfalls scheint auszubleiben.


Aber das Darwin-Jahr dauert noch sechs weitere Monate.

Franz M. Wuketits

Charles Darwin - Die Welt der Wissenschaft

Wie viel der ursprünglichen Thesen Charles Darwins der Evolutionstheorie enthalten ist, untersucht diese Ö1-Sendung vom 15.12.2009.