15. Okt. 2009, 18:16

Keine Einmengung von Theologie in Naturwissenschaften, Wissenschaft will nicht Gott erklären. Podiumsdiskussion am 12. 10. 2009 im Naturhistorischen Museum.

 

Kontroversell, respektvoll und in vielen Themen übereinstimmend war die Diskussion zum Thema „Neue Antworten-Neue Fragen. Darwins rEvolution heute“, zu welcher die Wiener Vorlesungen in das Naturhistorische Museum geladen hatte. Die prominenten Diskutanten: Wiens Bürgermeister Dr. Michael Häupl, Abt Gregor Henckel von Donnersmarck, Dr. Bernd Lötsch, Direktor des Naturhistorischen Museum und Dr. Jürgen Neffe, Darwin-Spezialist und Sachbuchautor.

 

Häupl: Fakten anerkennen

 

Der Wiener Bürgermeister, selbst Biologe und Naturwissenschafter, stellte klar:“Keine Usurpation der Naturwissenschaften .durch die Theologie Evolution und die Evolutionstheorie sind Faktum. Auch wenn die Darwin‘schen Thesen heute durch Erkenntnisse der Molekularbiologie, Genforschung und Biochemie in vollkommen neuen Dimensionen hin weiterentwickelt wurden, bleibt klar: Die Darwin‘sche Erkenntnis der Entwicklung der Arten aus einem gemeinsamen Ursprung ist Basis für Naturwissenschaften schlechthin.“

 

Neffe: Evolution, Genetik und Kultur

 

Dr. Jürgen Neffe, der in seinem Buch „Das Abenteuer des Lebens“ Darwins Reise mit der Beagle in allen Details nachvollzogen hatte, ist Darwins „revolutionäre Erkenntnis“ bis heute gültig:“Alles ist Evolution, allerdings hat moderne Wissenschaft durch die Entschlüsselung des Gens die Möglichkeit, Veränderungen jenseits zufälliger Prozesse vorzunehmen. Zufall ist nicht mehr Konstituens. Als biologische Wesen standen wir kurz davor, die schwerfälligen Reptilien auszulöschen. Als kulturelle Wesen haben wir sie in Darwins Sinne mit international gültigem Gesetz weltweit geschützt. Die größte von den Menschen bedrohte Spezies sind wir selbst. Wir haben in der Hand, wohin die Reise geht. Darwins große Leistung war es, unsere biologische Herkunft zu erklären. Für unsere kulturelle Zukunft hat sein Gedankenmodell wenig Bedeutung. Je weiter wir aber unserer Biologie durch Kultur entrinnen, desto besser die Aussichten für die Menschheit.“

 

Abt Gregor Henckel von Donnersmarck: Offenbarung als Welterklärung

 

Abt Gregor Henckel von Donnersmarck, gewissermaßen spätberufener Theologe, unterschied zwischen 3 Disziplinen:“Die Naturwissenschaften, die Fakten zu faszilisieren und zu verifizieren hat, die Philosophie, die Fragen stellt und die Theologie, welche die Offenbarung wissenschaftlich in sich interpretiert. Usurpation der Religion – und die hat es gegeben – der Naturwissenschaften ist ebenso abzulehnen, wie die Anmaßung der Naturwissenschaften Schöpfung erklären zu wollen. Man sollte alle diese Disziplinen nebeneinander sehen. Wir sind die Wissenschafter der Genesis.“

 

Lötsch: „The fittest“ richtig interpretieren

 

Der Bernd Lötsch sieht in der christlichen Genesis dennoch ein“ am ehesten den Naturwissenschaften nahekommenden Versuch, Welt zu erklären. Allerdings muss man sie als Mythos sehen. „ Lötsch verweist auf die enormen Auswirkungen, die Charles Darwin auf die gesamte Entwicklung der Naturwissenschaften hatte, wie kaum ein anderer:“Er hat klargestellt, dass alle Lebewesen aus einem gemeinsamen Ursprung kommen. Der Mensch als letzte Stufe der Evolution, wie es Darwin meinte, hat sich deshalb als „the fittest“ herausgestellt, weil er über das Intelligente verfügt- sich aus dem instinkthaften Handeln heraushebt.“

 

Häupl: Sozialdarwinismus ist falsch

 

Einig waren sich alle Diskutanten „dass es höchst fragwürdig sei, Evolution als Gesellschaftliches zu nutzen oder benutzen:“Sozialdarwinismus“ so Dr. Michael Häupl, „hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Das ist ideologisches Verbrechen.“ Und Abt Gregor Henckel von Donnermarck.“Evolution als Schöpfungserklärung taugt nicht.“ Oder Dr. Bernd Lötsch:“Gott hat -  gleichgültig ob man an den Schöpfergott glaubt – mit der Entwicklung des Menschen nichts zu tun.“

 

Die Veranstaltung im Naturhistorischen Museum, das derzeit die Ausstellung „Darwins rEvolution“ zeigt, war bis auf den letzten Platz besetzt – so groß war der Publikumsandrang. Ein Zeichen, dass Darwin immer noch polarisiert, fasziniert, interessiert. Und dass Wissenschaft kein Minderheitenprogramm ist.

 

Häupl: Wissenschaft und kulturellen Dialog fordern.

 

„Die Stadt Wien hat sich auch deswegen im Darwin Jahr engagiert, weil wir einen intellektuellen Dialog in der Stadt führen und forcieren wollen,“ resümierte Dr. Michael Häupl:“Der Wissenschaftsstandort Wien ist wichtig – gerade weil er jenseits aller wissenschaftlichen Disziplinen über eine philosophische Klammer verfügt – die Wiener Vorlesungen sind gewissenmaßen der philosophische Umbrella.“

 


Charles Darwin - Die Welt der Wissenschaft

Wie viel der ursprünglichen Thesen Charles Darwins der Evolutionstheorie enthalten ist, untersucht diese Ö1-Sendung vom 15.12.2009.