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24. Nov. 2009, 13:08

Darwin Industry

Geldmaschine Evolution

 

Als am Morgen des 24. November 1859 die Buchhandlungen des Königreiches öffneten, konnte niemand ahnen, dass an diesem Tag eines der einflussreichsten Bücher aller Zeiten auf den Markt kommen würde. In einer Auflage von 1250 Exemplaren hatte der Verlag John Murray es gedruckt, es kostete 15 Shilling. Wer es seinerzeit erworben, ins Regal gestellt und vergessen hat, dessen Nachfahren können es heute für 35 000 Pfund verkaufen. So viel brachte jedenfalls eine Erstausgabe des Origin unter dem Hammer des Auktionshauses Keys of Aylsham in diesem Jahr. Ein handsigniertes Darwin-Foto erzielte bei derselben Versteigerung 22 000 Pfund.

 

 

35 000 Pfund für die Erstausgabe

 

Darwins Buch hat nicht nur die Welt verändert, es hat auch, direkt oder indirekt, einigen Leuten viel Geld gebracht und sorgt heute mehr denn je für ganze Familien, für Forscher- und Sachbuchautoren-Karrieren. Sich auf die Suche nach den konkreten publizistischen und ökonomischen Konsequenzen des Buches, dass der Gelehrte aus Kent von Mitte 1858 bis Ende 1859 in einem Kraftakt schrieb – getrieben von dem Schock, dass ein gewisser Alfred Russel Wallace dieselbe Theorie hatte wie er – ist allerdings alles andere als einfach.

 

Wer das Glück hat, zuhause im Regal eine Erstausgabe des „Origin“ zu finden, kann – so er sich davon trennen will – erst einmal ein paar Monate die Miete bezahlen. Doch bei jenen 35 000 Pfund hört es schon fast auf mit verlässlichen Zahlen.

 

Wieviel Geld etwa Verlage seit 1859 mit den weiteren Auflagen des Buches, mit seinen Übersetzungen in Sprachen von Deutsch über Blindenschrift bis Yiddisch umgesetzt haben, ist heute wohl unmöglich herauszufinden. Das sagt zumindest John van Wyhe, Direktor des Projektes The Complete Works of Charles Darwin online: „Ich glaube nicht, dass das irgendwer weiß“.

 

Auch eine Gesamtverkaufszahl des Buches weltweit, von den ersten 1250 Stück bis heute, kennt offenbar niemand. Allein im Darwin-Jahr 2009 dürften es weltweit wieder mehrere 100 000 gewesen sein, von der billigen Paperback-Ausgabe über faksimilierte Erstausgaben bis hin zu dicken Büchern, die neben dem „Origin“ noch andere Werke Darwins enthielten. Eines davon etwa ist das von dem Ameisenforscher und Evolutionsbiologen Edward O. Wilson herausgegebene „From so Simple a Beginning“. Es ist, auf dünnstem Papier gedruckt, immer noch sieben Zentimeter dick, und enthält neben dem „Origin“ auch „The Voyage of the Beagle, „The Descent of Man“ und „The Expression of the Emotions in Man and Animals.“

 

Wilson ist als Evolutionsbiologe einer der inzwischen auch nicht mehr zählbaren Forscher, die mit einer Wissenschaft, deren Geburtsstunde viele an jenem 24. November 1859 sehen, ihren Lebensunterhalt verdienen. Schon zu Darwins Lebzeiten bauten ein paar Gelehrte, etwa Thomas Huxley in England, ihre Karrieren auf Darwins Lehren auf. Doch erst in den dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, also mehr als 50 Jahre nach Darwins Tod, begann eine auf dessen Theorie fußende Evolutionsbiologie sich als eigenständiger Forschungszweig durchzusetzen.

 

 

Genetik und Evolution versöhnen

 

Es war die Zeit, als Naturforscher und Mathematiker die neuen Erkenntnisse der Genetik mit der schon alten Theorie der Evolution durch natürliche Selektion versöhnten. Sie taten es mit Büchern, die in ihren Titeln wieder die Worte von 1859 führten, etwa „Genetics and the Origin of Species“ von Theodosius Dobzhansky von 1937 und „Systematics and the Origin of Species“ von Erst Mayr von 1942. Es war die etwas verspätetet Initialzündung einer ganzen Wissenschaftsdisziplin. Heute haben die meisten Unis Lehrstühle für Evolutionsbiologie, und Evolution spielt in praktisch alle anderen Teilgebiete der Lebenswissenschaften hinein.

 

Jener Ernst Mayr, in Kempten geboren und in New York und Harvard zu einem der einflussreichsten Biologen des 20. Jahrhunderts geworden, vereint eigentlich alles, was man heute als Darwins Nachfolge bezeichnen könnte. Neben akademischer Evolutionsbiologie versuchte er auch, sein Fachgebiet zu popularisieren, etwa mit seinem Buch „Das ist Evolution“, das er kurz vor seinem 100ten Geburtstag herausbrachte. Und außerdem betätigte er sich als Wissenschaftshistoriker. Sein wichtigstes Thema hier: Darwin. Seine Buchhonorare steckte Mayr unter anderem in Stipendien für junge Evolutionsforscher.

 

In der „Ernst Mayr Library“ in Harvard, der weltweit wahrscheinlich bestbestückten auf Evolution spezialisierten Bibliothek, finden sich derzeit etwa 4 000 Buchtitel zu den Schlagworten Darwinismus und Evolution, „was allerdings wahrscheinlich zu wenig“ sei, so die Bibliothekarin Mary Sears. Sucht man im gesamten elektronischen Katalog einer großen Bibliothek nach dem Stichwort „Evolution“, finden sich etwa 224 000 Einträge, wo dann allerdings oft auch verschiedene Auflagen desselben Buches gezählt werden. Die zahlenmäßige Wahrheit liegt also wahrscheinlich irgendwo dazwischen.

 

Inzwischen hat sich allerdings nicht nur die Evolutionsbiologie, sondern auch die historische Beschäftigung mit der Person und dem Autor Darwin zu einem eigenständigen Forschungszweig entwickelt. Viele Wissenschaftshistoriker, Philologen, Philosophen und Gelehrte benachbarter Gebiete widmen einen guten Teil ihrer Arbeitszeit den Schriften Darwins und deren Konsequenzen.

 

Mit einem halb warnenden, halb augenzwinkernden Unterton angesichts solcher Verselbständigung bezeichnen sich viele jener Forscher selbst als Teil einer „Darwin Industry“. Doch wie groß diese Industrie ist, ist ebenfalls offenbar kaum zu sagen, schon gar nicht in Zahlen. „Das wäre gut, das mal zu untersuchen“, sagt Darwins Online-Chronist John van Wyhe, es würde aber „einige Arbeit machen.“

 

Eine Art Darwin-Industrie hat sich auch angesichts des jetzt langsam zu Ende gehenden Darwin-Jahres herausgebildet. TV-Dokumentationen, abendfüllende Spielfilme, und vor allem Bücher über Darwin und die Evolution gab es 2009 wohl mehr als je zuvor in einem Jahr. Dass man mit dem bärtigen Mann aus Kent ein wenig Geld verdienen kann, hat etwa der Autor Jürgen Neffe dieses Jahr angenehm erfahren. Seine populäre, bei C. Bertelsmann erschienene Darwin-Biographie hat sich, so der Verlag auf Nachfrage, als Hardcover bislang etwa 80 000 Mal verkauft.

 

 

Ballerspiele unter Darwins Patenschaft

 

So richtig Geld verdienen kann man aber, wenn man Computerspiele unter Darwins Patenschaft produziert - etwa das Shooter-Game „Turok Evolution“. Oder Kinofilme. „Evolution“ mit David Duchovny und Julianne Moore von 2001 spielte weltweit immerhin 100 Millionen Dollar ein, Videos und DVDs nicht eingerechnet.

 

Wer eine richtig schöne, von moralischen und theologischen Konflikten befreite Evolution will, kauft sich aber am besten die gleichnamige Platte der Hollies von 1967. Eine gut erhaltene Erstausgabe der Scheibe mit dem psychedelischen Cover ist heute für um die 40 Euro zu haben. Und das ist immer noch günstiger als die älteste derzeit angebotene deutsche Übersetzung von Darwins wichtigstem Buch: Im Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher (ZVAB) kostet eine zweite Auflage von „Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich“ von 1863 derzeit 1.900 Euro.

 

 

 

Quelle: Handelsblatt

Charles Darwin - Die Welt der Wissenschaft

Wie viel der ursprünglichen Thesen Charles Darwins der Evolutionstheorie enthalten ist, untersucht diese Ö1-Sendung vom 15.12.2009.