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7. Dez. 2009, 12:33

Die Menschheit wird kurzsichtig

Die Sehkraft und die Evolution

 

Kommende Generationen werden mehr Brillen brauchen als wir. Aber es gibt ein einfaches Mittel, das zu verhindern "Der Gedanke an das Auge lässt mich am ganzen Körper erschauern", sagte Charles Darwin. Denn es erschien ihm so perfekt, dass es eigentlich nicht die unerbittliche Versuch-und-Irrtum-Mühle der Evolution hinter sich haben konnte. Doch heutige Wissenschaftler könnten den großen Biologen beruhigen. Die Welt hat darüber eine Reportage verfasst.

 

So perfekt ist das menschliche Auge gar nicht. Oft nämlich ist der Augapfel zu lang, sodass sich der Brennpunkt der parallel einlaufenden Lichtstrahlen vor und nicht auf der Netzhaut befindet. Es gibt also wohl noch ein scharfes Bild im Auge, nur eben nicht dort, wo die Sinneszellen sind, sondern ein Stück davor. Dadurch erscheinen die fernen Gegenstände verschwommen - der Betroffene ist kurzsichtig.

 

 

Kurzsichtigkeit ist ein Massenphänomen

Schon Archimedes soll sich einen Kristall vors Auge gebunden haben, um besser in die Ferne sehen zu können. Doch der antike Tüftler war damit noch ein Außenseiter, nicht nur wegen seiner exquisiten Sehhilfe, sondern auch wegen seiner Myopie, wie die Kurzsichtigkeit wissenschaftlich korrekt heißt. Mittlerweile ist sie ein Massenphänomen. "In den Industrienationen ist mittlerweile ein Drittel der Bevölkerung kurzsichtig", berichtet Professor Frank Schaeffel, der in Tübingen die Neurobiologie der Augen erforscht. Die Myopiequote ist in den letzten Jahrzehnten deutlich angestiegen. In den Großstädten Asiens liegt sie sogar schon bei 90 Prozent, in Taiwan hat sie sich bei den Achtjährigen zwischen 1995 und 2005 verdoppelt.

 

Aber wie lässt sich der Trend stoppen? Mediziner auf der ganzen Welt suchen nach einem Rezept, das nicht leicht zu finden ist, weil die Ursachen der Myopie bis heute im Dunkeln liegen. Niemand kann mit abschließender Gewissheit sagen, warum das Auge, das sonst eigentlich präzise arbeitet, so vehement zur Kurzsichtigkeit tendiert. Aber es gibt interessante Zusammenhänge und Erklärungsansätze.

 

 

Logische Erklärung?

 

So weisen mehrere Studien auf eine Korrelation von Kurzsichtigkeit und Naharbeit. Das heißt also: Je häufiger ein Mensch Tätigkeiten unmittelbar vor seiner Nase ausführt, umso größer sein Risiko für eine Myopie. Denn dabei muss sich das Auge so einstellen, dass der Brennpunkt des Lichts knapp hinter der Netzhaut liegt. Um das auszugleichen, wächst der Augapfel in die Länge - mit der Folge, dass sich das Auge, beispielsweise fürs Lesen und Gucken auf den Computermonitor, nicht mehr anstrengen muss, andererseits aber nicht mehr scharf in die Ferne blicken kann. All das klingt logisch, erklärt aber nicht, warum viele Menschen lesen lernen, ohne kurzsichtig zu werden.

 

 

Studie beweist Gegenteil

 

Zudem zeigt eine Studie der Australian National University in Sydney: Bücher und Bildschirme sind gar nicht so schlecht für die Augen, wie weithin angenommen wird. Die Forscher verglichen Sehkraft und Lebensstil von Schülern aus Singapur und Australien, und sie fanden im Stadtstaat eine Myopiequote von 29 Prozent gegenüber drei Prozent auf dem Känguru-Kontinent. Unter den Kindern von Singapur waren also fast zehnmal so viele Kurzsichtige wie in Australien. Daran änderte sich auch nichts, als man nur die chinesischstämmigen Kinder der beiden Länder miteinander verglich - die ethnische Herkunft konnte die große Differenz also nicht erklären.

 

Fernsehgucken, Computerspiele und Lesen spielten ebenfalls keine Rolle, denn die Kinder verwendeten ähnliche Zeiten dafür. Doch in einem Punkt ihres Freizeitverhaltens unterschieden sie sich deutlich: Während die Australier durchschnittlich zwei Stunden pro Tag im Freien verbrachten, kamen die Schüler von Singapur bloß auf 30 Minuten täglicher Frischluft.

 

 

Mehr Tageslicht, bessere Sehkraft

 

Studienleiter Ian Morgan vermutet, dass sich das helle Tageslicht regulierend auf das Wachstum der Augen auswirkt. So sei schon länger bekannt, dass helles Licht die Produktion von Dopamin anregt, einem Neurotransmitter, der nicht nur im Hirn für Glücksgefühle sorgt, sondern auch das Augenwachstum hemmt. "Es gibt eine Bremse für Kurzsichtigkeit", sagt der Biologe, "dass man nämlich möglichst oft ins Freie geht." Und dies gelte nicht nur für Kinder, auch die Studenten der Universitäten sollten öfter mal an die frische Luft gehen.

Auch aus anderen Gründen scheint der lange Aufenthalt in Vorlesungssälen den scharfen Blick fürs Weite zu schwächen.

 

 

Kurzsichtige mit höherem IQ

 

In den Neunzigern veröffentlichte der amerikanische Psychologe Arthur Jensen die Ergebnisse einer Studie, wonach Kurzsichtige bis zu acht Punkte mehr im Intelligenzquotienten hätten als Normalsichtige. Als Erklärung gab er an, dass IQ und Kurzsichtigkeit durch ähnliche Gene verursacht würden.

 

Gegen die Relevanz dieser Ergebnisse spricht, dass Jensen im Laufe seiner akademischen Karriere immer wieder spektakuläre Arbeiten publiziert hat, die unter seinen Kollegen eher Entrüstung als Respekt ernteten. So veröffentlichte er 1969 einen Aufsatz, in dem er einen genetisch bedingten IQ-Unterschied zwischen schwarzen und weißen Menschen postulierte. Andererseits zeigt eine andere Erhebung, durchgeführt an 157.748 israelischen Rekruten, einen deutlichen Zusammenhang von Geisteskraft und Myopie: In der Gruppe mit dem niedrigsten IQ waren hier nur acht Prozent kurzsichtig, während es in der Gruppe mit dem höchsten IQ über 27 Prozent waren. Das sind recht solide statistische Hinweise, die auch einen genetischen Hintergrund haben könnten, denn dass die Genetik bei Kurzsichtigkeit mitspielt, steht außer Frage.

 

 

Sehschwäche liegt in der Familie

 

Zwillingsstudien zeigen: Wenn einer der Zwillinge kurzsichtig ist, liegt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass auch der andere damit zu tun haben wird, bei 90 Prozent. Und Schaeffel berichtet: "Mit zwei kurzsichtigen Eltern verdoppelt oder verdreifacht sich die Chance, selbst kurzsichtig zu werden."

 

Edward Miller von der University of New Orleans vermutet, dass es zwei Korrelationen gibt: eine zwischen Intelligenz und Hirngröße und eine zwischen Kurzsichtigkeit und Augapfelgröße. "Wenn es ein Gen gibt, das Auge und Hirn überdurchschnittlich wachsen lässt, dann könnte dort der Zusammenhang liegen", sagt Miller, der eigentlich ausgebildeter Wirtschaftswissenschaftler ist, aber auch in anthropologischen Fragen forscht.

 

Das von ihm postulierte Gen freilich ist bisher reine Spekulation. Denn Genetiker fanden im Erbgut des Menschen inzwischen mindestens 15 Abschnitte, die an einer Kurzsichtigkeit beteiligt sein könnten. "Aber in diesen Bereichen liegen oft mehr als hundert Gene, und bis jetzt wurde keines von ihnen eindeutig als Ursache identifiziert", sagt Schaeffel.

 

 

Zuckerlastige Ernährung Schuld?

 

Loren Cordain von der Colorado State University in Fort Collins sieht die Ursache der Myopie weniger in den Genen als in einer zuckerlastigen Ernährung. Demnach treibt ein Speiseplan mit viel einfachen Kohlehydraten den Insulinspiegel in die Höhe, und das regt wiederum den Augapfel zu einem verstärkten Längenwachstum an. Tatsächlich ist der Konsum von Softdrinks, stark gesüßten Frühstückscerealien und Süßwaren in den letzten Jahren ähnlich stark angestiegen wie die Quote der Kurzsichtigen.

 

Dass unsere Augen so gut sind wie das, was wir essen, legen auch Versuche an Tieren nahe: Bei Hühnern bildete sich eine schwere Myopie, nachdem man ihnen Insulin injiziert hatte. "Vielleicht stimuliert Zucker auch andere wachstumsfördernde Stoffe", sagt Cordain. In jedem Falle aber hält er eine zuckerarme Diät für eine gute Option, um der Menschheit bessere Sehkraft zu verschaffen.

 

 

In USA 7. häufigster Grund für Blindheit

 

Kurzsichtige leiden übrigens nicht nur unter den schlechten Augen - sie haben auch ein erhöhtes Risiko für bestimmte Erkrankungen. Denn ihr Augapfel ist verformt, das setzt das Gewebe unter Zugstress. Schon eine mäßige Kurzsichtigkeit von ein bis drei Dioptrien vervierfacht das Risiko für Löcher und Ablösungen der Netzhaut, das Risiko für einen grauen und grünen Star ist doppelt so hoch wie bei anderen Menschen.

 

"In den USA ist Kurzsichtigkeit der siebthäufigste Grund für Blindheit", warnt Schaeffel. "In asiatischen Ländern noch häufiger." Eine ursächliche Behandlung der Myopie, also eine Neujustierung des Augapfels, ist bisher reines Wunschdenken. Brillen, Kontaktlinsen und Hornhautoperationen mit dem Laser verändern nur die Brechung des Lichts, lösen aber nicht das eigentliche Problem. Es wäre aber viel gewonnen, wenn man schon bei Kindern eine Kurzsichtigkeit verhindern könnte. Zum Beispiel indem man ihnen weniger Cola und Schokoriegel gibt.

Charles Darwin - Die Welt der Wissenschaft

Wie viel der ursprünglichen Thesen Charles Darwins der Evolutionstheorie enthalten ist, untersucht diese Ö1-Sendung vom 15.12.2009.