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10. Dez. 2009, 13:20

Hans Kessler: Evolution und Schöpfung in neuer Sicht

 

Jemand entzündet ein Holzfeuer. „Warum brennt das Feuer?“ Antwort: „Es brennt, weil sich der im Holz befindliche Kohlenstoff mit Sauerstoff zu Kohlendioxid verbindet.“ Zweite Antwort: „Das Feuer brennt, weil ich es mit dem Streichholz entzündet habe.“ Die dritte: „Weil ich Kartoffeln rösten möchte.“ Welche Antwort ist die richtige? Was für eine schwachsinnige Frage! Hans Kessler bringt dieses Beispiel in seinem neuen Buch „Evolution und Schöpfung in neuer Sicht“, um die Borniertheit eines Naturalismus zu knacken, der behauptet, dass der naturwissenschaftliche Diskurs ein Monopol auf die Deutung der Wirklichkeit besitzt.

 

Im Jubiläumsjahr von Charles Darwin hat man den großen Promotor der Evolutionstheorie zum Gründungspropheten einer Kirche der Gottlosen machen wollen. Bibel oder Wissenschaft? Diese Alternative bringt uns seit einem halben Jahrhundert zum Gähnen. Die christliche Theologie war über diese Frage vor zweihundert Jahren zur Gründungsdisziplin für die hermeneutischen Textwissenschaften geworden. Nach und nach hatte sie die Magie des Textes entzaubert und ganz nebenbei die Modernitätskompatibilität des Christentums hergestellt.

 

 

Zusammenprall mit der Naturwissenschaft

 

Seitdem ist das Etikett „Buchreligion“ für das Christentum höchst erläuterungsbedürftig. Das Schöpfungslied von Genesis 1 und die Geschichte vom verlorenen Paradies war als Verpackung eines theologischen Kerns erkannt und musste mit keiner empirischen Naturwissenschaft mehr konkurrieren. Woher aber die immer neue Erregung über eine alte Frage? Richard Dawkins und seine Feinde, die kreationistischen Fundamentalisten in den Vereinigten Staaten, sind beide hermeneutisch schwerhörig bis taub. Der neue Naturalismusstreit ist im Grunde ein amerikanischer Import. In Deutschland, dem Mutterland der Reformation, hatte und hat der biblische Fundamentalismus so gut wie keine Bedeutung.

 

Nicht nur in den Gospel-Tempeln der Schwarzen, auch in den Megakirchen der weißen Charismatiker fährt der Geist in die Massen und macht das Denken oft entbehrlich. Umso heftiger ist der Zusammenprall mit der Naturwissenschaft. Kämpferische Kreationisten sorgen dafür, dass in den Schulbüchern neben der naturwissenschaftlichen Evolutionslehre auch die biblische Schöpfungsgeschichte so präsentiert wird, als sei sie die Chronik der damals gelaufenen Ereignisse.

 

 

Klärung der Diskurse

 

Daneben gibt es den zweifelhaften Versuch, mit den wissenschaftlichen Evolutionisten mitzuhalten und die Geschichte so zu erzählen, dass ein göttlicher Schöpfer für die Überbrückung von sprunghaften Entwicklungen und die Lenkung des komplizierten Entstehungsprozesses unentbehrlich wird. Das Stichwort lautet: Intelligent Design.

 

Hans Kesslers „neue Sicht“ auf Evolution und Schöpfung besteht in einer Klärung der Diskurse. Dass er als Theologe naturalistische Engführungen kritisiert, wird niemanden verwundern. Dass er genauso scharf mit unsauberen Vermischungen von Naturwissenschaft und Theologie ins Gericht geht, macht die Qualität des Buches aus. Die wissenschaftstheoretisch fundierte Inspektion der Grenzen von empirischer Naturwissenschaft und der philosophisch-theologischen Erschließung der menschlichen Wirklichkeiten führt fast beiläufig zu einer eindrucksvollen Reformulierung des biblischen Monotheismus.

 

 

Ist es vernünftig, Sinnfragen zu stellen?

 

Mit Werner Heisenberg wirbt Kessler für ein Schichtenmodell der Wirklichkeit. Das führt dazu, dass der Schöpfungsgedanke sich nicht in Spekulationen darüber erschöpft, wie alles angefangen hat. Die Frage nach dem ersten Beweger, die schon Aristoteles gestellt hatte, kann der exegetisch aufgeklärte Theologe getrost der Physik überlassen. Ein Kerngedanke Kesslers ist die Unterscheidung von Ursache und Grund. Er fragt nicht nach dem ersten Glied einer Kette von Ursachen. Er geht auf Distanz und betrachtet die ganze Kette. Mit diesem mehrfach wiederkehrenden Vergleich wirbt er für einen Wechsel der Perspektive. Das läuft auf ein gleichsam enttemporalisiertes Konzept von Schöpfung hinaus.

 

Kessler ist Fundamentaltheologe, das heißt Erkenntnistheoretiker und Wirklichkeitswissenschaftler. Tatsächlich ist die grundlegende Frage im Streit um Evolution und/oder Schöpfung nicht biologisch und zunächst auch nicht theologisch. Es ist die Frage nach der Wirklichkeit. Ist es vernünftig, Sinnfragen zu stellen? Die größte ist uralt: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ Von Parmenides bis Heidegger durchzieht sie unsere Ideen- und Geistesgeschichte. Es umarmen einander Trivialität und die Fülle des Sinns.

 

 

Die größten Fragen

 

Im philosophischen Parteienstreit sind Begriffe wie „Metaphysik“ und „Ontologie“ wiederholt kraftvoll verabschiedet worden. Im Grunde ohne durchschlagenden Erfolg, aber mit einem Klärungsertrag. Wenn Metaphysik die Ausrufung einer unsichtbaren Hinterwelt war, dann mag sie in Gottes Namen Unsinn gewesen sein. In der Anthropologie und der Subjekttheorie, also der Frage nach dem Status quo des menschlichen Bewusstseins, setzen sich die nicht veralternden Fragen durch. Kant hat sie die großen genannt. Es sind die Fragen nach Gott, Freiheit und Unsterblichkeit und danach, was der Mensch sei.

 

Ein Fundamentaltheologe ist heutzutage ein Kämpfer um den weiten Horizont. Der Verweis auf fundamentalistischen Unsinn darf nicht zu einem Frageverbot führen. Hans Kessler belässt es nicht bei diesen grundlegenden Überlegungen. Er steigt ein in den Streit und diskutiert die Details. Sein Buch ist die Ernte einer zwanzigjährigen kompetenten Befassung mit den Naturwissenschaften. Er weiß, wovon er redet. Seine Standortbestimmung von Naturwissenschaft und Theologie hat die Qualität einer Aufklärungsschrift. Es ist kurios, dass sie 2009 noch aktuell ist.

 

 

Hans Kessler: „Evolution und Schöpfung in neuer Sicht“. Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer 2009. 221 S., geb., 17,90 €.

Charles Darwin - Die Welt der Wissenschaft

Wie viel der ursprünglichen Thesen Charles Darwins der Evolutionstheorie enthalten ist, untersucht diese Ö1-Sendung vom 15.12.2009.