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29. Dez. 2009, 11:34

Wie Darwin Kultur geschaffen hat

Kulturhistorischen Bezüge zum Darwinismus

 

Zum Abschluss des Charles-Darwin-Jahrs 2009 ein wissenschaftshistorischer Rückblick: Forscher zeigen, welchen Einfluss der Begründer der Evolutionslehre weltweit auf Politiker, Philosophen und Religionen ausgeübt hat - und wie die eigenwillige Deutung seiner Ideen den Lauf der Geschichte veränderte.

 

Immigration und Interpretation

Weiße Menschen waren gefragt. Lateinamerikanische Intellektuelle und Politiker waren im 19. Jahrhundert davon überzeugt, ihre Gesellschaft "weißer" machen zu müssen, um sich weiterentwickeln zu können. Europa war ihr Vorbild.

Europa, so dachten sie, war mächtig aufgrund der Rasse. Die Politiker entschieden sich deshalb gegen das ihrer Meinung nach vorherrschende "Rassengemisch" in Lateinamerika und forcierten europäische Immigration. Eine "weißere Nation" - das war für sie um die Jahrhundertwende der einzige Weg, um an die Kolonialmacht Europa heranzukommen.

 

Elf Millionen Briten, Deutsche, Italiener, Portugiesen und Spanier wanderten aus und zogen nach Argentinien, Brasilien, Chile und Uruguay - dorthin, wo ihnen Farmland angeboten wurde. Den europäischen Städtebau brachten sie gleich mit. Aber was hat Darwin damit zu tun? Jürgen Buchenau, Historiker und Autor des Essays "Global Darwin: Multicultural mergers", erklärt: Lateinamerikanische Politiker rechtfertigten die Massenimmigration mit den Theorien des britischen Naturwissenschaftlers. Und sie waren, was die Interpretation seiner Arbeiten betrifft, bei weitem nicht die Einzigen.

 

 

Jenseits von Europa


Darwins Theorien erreichten die Menschen in einer Zeit, als sich viele die weltweiten sozialen Ungleichheiten zu erklären versuchten. Jenseits von Europa begannen sich die Menschen zu fragen, wie sie sich angesichts der europäischen Kolonialmacht besser behaupten könnten. Auf der ganzen Welt, von China bis Ägypten, inspirierte der Naturforscher die Menschen. Sie begannen, die Evolutionstheorie in ihrer Philosophie und Religion auf ihre eigene Art und Weise zu interpretieren.

 

Satish Mukherjee, ein Vertreter der indischen positivistischen Gesellschaft, sah "Samkhya", eine der ältesten hinduistischen Philosophien, als Vorläufer des modernen Evolutionsgedankens. Die Welt erachtet "Samkhya" als Ergebnis eines Kreislaufs aus Schöpfung und Tod: Der Geist gelangt in einen Körper, verlässt ihn wieder und so weiter. Dieser Kreislauf lasse sich, so Mukherjee, auch auf die Evolution des Universums übertragen. Für ihn gibt es keinen Widerspruch zwischen dem hinduistischen Weltbild und den Arbeiten Darwins.

 

 

Darwin in Denkprozessen


Einer der Gründe, warum Darwin weltweit so populär wurde, war, dass seine Theorien mit einer unglaublichen Leichtigkeit in verschiedene kulturelle Denkprozesse integriert wurden.

Die daraus resultierenden Ergebnisse drückten dabei fast immer den Wunsch aus, gegen den westlichen Imperialismus anzukämpfen, wie Marwa Elshakry, Geschichtsprofessor an der Columbia-Universität, in einem Essay erklärt. In der ganzen Welt entwickelten Wissenschaftler, basierend auf Darwins Evolutionstheorie, eigene Hypothesen und verknüpften sie mit älteren, traditionellen Lehren.

 

Auch Muslime fanden sich in den Theorien des Naturwissenschaftlers wider: Schon frühe muslimische Philosophen sprachen von der Idee, dass sich Spezies im Lauf der Zeit verändern würden. Schriften aus dem zehnten und elften Jahrhundert zeigen, dass schon damals von einer Hierarchie des Seins, der Pflanzen, Tiere und Menschen die Rede war. Muslime im späten 19. Jahrhundert bezogen sich genau darauf, als sie über Darwins Theorien diskutierten.

 

1902 schrieb der ägyptische Islamreformer Muhammad Abduh, dass der Islam nicht mit der Wissenschaft in Konflikt stehe. Im Gegenteil: Für Muslime war die Evolutionstheorie etwas, das sie schon von früheren Philosophen kannten. Ganz anders reagierte das Christentum auf Darwins Arbeit: Es war die einzige Religion, die Darwin als Gefahr ansah, als Waffe im Kampf gegen den Glauben. Auf anderen Kontinenten wurde Darwins Evolutionstheorie mit offenen Armen empfangen.

 

Darwin revolutionär: "Die natürliche Eliminierung"
"In China ebnete die Interpretation von Darwins Werk den Weg für Marx, Lenin und Mao", erklärt James Pusey, Autor des Essays "Global Darwin: Revolutionary road" und Professor für chinesische Wissenschaft an der Bucknell-Universität. Darwin - der Ursprung des chinesischen Kommunismus?

 

Es war der Wissenschaftler Yan Fu, der 1895 Darwins Werk ins Chinesische übersetzte – und dabei gravierende Fehler machte: "Natürliche Selektion" war plötzlich "die natürliche Eliminierung", das "Überleben der Stärkeren" übersetzte er mit "die in der Gesellschaft höher Gestellten werden überleben und die Unterdrückten besiegen".

 

Genau diese Übersetzungen erreichten China zur Zeit der Reformbewegungen im späten 19. Jahrhundert. Wegen der vielen Fehler war zwar nicht mehr viel von Darwins ursprünglicher Evolutionstheorie übrig, trotzdem, so argumentiert Pusey, sei Darwins Arbeit in China allgegenwärtig gewesen. Weder Marx noch Mao hätten die Chinesen gelehrt, dass die Geschichte eine Geschichte des gewaltvollen Klassen- beziehungsweise "Rassenkampfs" sei - es war Darwin.

 

 

Der "kulturelle Filter"


Beruhen also historische Prozesse, die im Zusammenhang mit der Evolutionstheorie stehen, auf Fehlinterpretationen und Missverständnissen? Wie Wissenschaft verstanden wird, hängt einerseits davon ab, ob Menschen die Information verstehen, andererseits durchläuft jede Information auch einen "kulturellen Filter" - und dieser erklärt, warum es so unterschiedliche Reaktionen auf Darwins Werk gab.

 

Kulturelle Hintergründe, unterschiedliche Wertesysteme und Wissenslücken sollten vor allem Wissenschaftler bedenken, wenn sie ihre Ergebnisse publizieren. Sie können nämlich nicht davon ausgehen, dass die Menschen, denen sie Fakten liefern, die Ergebnisse genauso interpretieren wie sie selbst.

Philosophen, Intellektuelle und Politiker aus allen möglichen Nationen - sie alle interpretierten Darwins Arbeit auf verschiedene Art und Weise. Allerdings nicht immer, weil sie ihn verstanden hatten - sondern eher, weil Verstehen an sich von der Kultur abhängig ist.

 

Quelle: ORF

Charles Darwin - Die Welt der Wissenschaft

Wie viel der ursprünglichen Thesen Charles Darwins der Evolutionstheorie enthalten ist, untersucht diese Ö1-Sendung vom 15.12.2009.