Moral fiel nicht vom Himmel

Die Evolution unseres Wertesystems

 

Charles Darwin legte dar, wie sich die Moral im Zuge der Evolution entwickelte. Vorstufen finden sich auch in der Tierwelt. Darwins Buch Die Abstammung des Menschen enthält ausführliche Kapitel über die Entwicklung der geistigen, sozialen und moralischen Fähigkeiten des Menschen und ist damit eines der Schlüsselwerke zu einer evolutionären Ethik.

 

„Nach dem Auftreten der Evolutionstheorie kann die gesamte Philosophie niemals mehr das sein, was sie vorher war. Das betrifft auch die praktischen Probleme der Moral und Ethik", so der Wiener Philosoph Erhard Oeser: Darwins Buch Die Abstammung des Menschen enthält ausführliche Kapitel über die Entwicklung der geistigen, sozialen und moralischen Fähigkeiten des Menschen und ist damit eines der Schlüsselwerke zu einer evolutionären Ethik. Moral fiel nicht vom Himmel, sondern hat sich in der Evolution des Menschen allmählich entwickelt. Bestimmte Verhaltensweisen bei Tieren - insbesondere kooperatives Verhalten bei Tieren können als ihre Vorstufen angesehen werden. Die Evolution des moralischen Verhaltens steht in engem Zusammenhang mit der Evolution psychischer Fähigkeiten wie Mitgefühl und Gewissen.

 

Werte sind wandelbar

 

Die evolutionäre Ethik steht im Widerspruch zu jeder idealistischen Ethik, die von gegebenen, unwandelbaren Werten und Normen ausgeht. Moral ist zwar universell insofern, als eine Gesellschaft oder Kultur ohne Moral nicht denkbar wäre: Ihre konkreten Inhalte aber (Normen und Wertvorstellungen) variieren. Es gibt keine absoluten Werte.. Moral kann demnach als Summe aller Regeln gelten, die der Stabilisierung und der Aufrechterhaltung einer Gruppe dienen. Eine Gruppe - und der einzelne in der Gruppe - kann nur überleben, wenn bestimmte Normen befolgt werden: „Kein Stamm könnte mehr zusammenhalten, wenn Mord, Raub, Verrat an der Tagesordnung wären" (Darwin).

 

Basis für eine moderne Tierethik

 

Die Bioethik geht insofern über die traditionelle Ethik hinaus, als sie nicht nur das Handeln von Menschen anderen Menschen gegenüber reflektiert, sondern auch nicht-menschliche Lebewesen in diese Reflexionen einbezieht. Im Hintergrund steht dabei die Erkenntnis, dass Tiere (zumindest Säugetiere und Vögel) leidensfähig sind und ihnen daher ein moralischer Status beigemessen werden muss. Je enger eine Tierart mit dem Menschen verwandt ist, um so ähnlicher ist sie dem Menschen auch in emotionaler Hinsicht. Darwin hat überzeugend dargelegt, dass der Unterschied zwischen dem Menschen und anderen Lebewesen nur ein gradueller und kein prinzipieller ist. Außerdem hat er den Ausdruck von Gemütszuständen bei Menschen und Tieren beschrieben und sehr überzeugend auf gemeinsame stammesgeschichtliche Grundlagen zurückgeführt. Damit schuf er das evolutionstheoretische Fundament für die moderne Tierethik.

 

Franz M. Wuketits

 

 

Charles Darwin - Die Welt der Wissenschaft

Wie viel der ursprünglichen Thesen Charles Darwins der Evolutionstheorie enthalten ist, untersucht diese Ö1-Sendung vom 15.12.2009.