Darwin war sozial eingestellt, aber kein Sozialdarwinist

 

Die Sozialdarwinisten haben Darwins Theorie der Evolution durch natürliche Auslese auf den Kopf gestellt. Der Sozialdarwinismus hat mit Darwins Theorie ungefähr so viel gemeinsam, wie die Astrologie mit der Astronomie.

 

Bald nach der Veröffentlichung seiner Theorie der Evolution durch natürliche Auslese oder Selektion wurde Darwin von den Vertretern jener Ideologie vereinnahmt, die gemeinhin als Sozialdarwinismus bekannt ist. Die ideengeschichtlichen Wurzeln des Sozialdarwinismus reichen weit vor Darwin zurück und finden sich bereits in der Antike. Im Vordergrund stand dabei die Idee einer „Auslese der Besten".

 

Das Programm: Verbesserung des Erbguts

 

Die Sozialdarwinisten des 19. Jahrhunderts standen in der Tradition der Aufklärung und waren Verfechter der Idee des Fortschritts, das heißt der „Verbesserungsfähigkeit" des Menschen. Sie propagierten die Anwendung der natürlichen Auslese im Dienste einer Beseitigung oder Heilung aller körperlichen Schäden zum Wohle der Volksgesundheit.


Dabei ging es ihnen nicht zuletzt um eine Verbesserung des Erbguts. So schrieb etwa der Arzt und Privatgelehrte Wilhelm Schallmayer (1857-1919): „Für die Nationen wie für den Einzelnen ist das höchste Gut das Erbgut." So wurde die Eugenik oder Rassenhygiene zum politischen Programm. Allmählich setzte sich das Postulat durch, dass im Sinne eines „gesunden Volkskörpers" alle „störenden Lebensfaktoren" auszumerzen und alle „niederen Rassenelement" zu beseitigen seien. Dieses Postulat fiel im frühen 20. Jahrhundert nicht nur in Deutschland, sondern etwa auch in Frankreich auf fruchtbaren Boden. Im Nationalsozialismus wurde es auf brutale Weise realisiert.

 

Die Grundüberzeugungen des Sozialdarwinismus in der zweiten Hälfte des 19. und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts lassen sich in drei Punkten zusammenfassen:

 

  • Es gibt gute und schlechte Erbanlagen.
  • Der Mensch hat die (gesellschaftliche) Aufgabe, die guten Erbanlagen zu fördern und die schlechten zu eliminieren.
  • Darwins Selektionstheorie liefert die Maßstäbe für die gesellschaftliche, moralische und wirtschaftliche Entwicklung des Menschen.

 

Soziale Instinkte und Sympathien

 

Darwin selbst aber wollte seine (Selektions-) Theorie ausdrücklich - und ausschließlich - als naturwissenschaftliche Theorie verstanden wissen und setzte sich gegen die ideologische Vereinnahmung seines Werkes zur Wehr. Er war kein Sozialdarwinist.

 

Konsequenterweise weitete Darwin seine Theorie auf eine Rekonstruktion beziehungsweise Erklärung der Herkunft und Entwicklung des Menschen aus, erhob damit aber keinen normativen Anspruch - etwa nach dem simplen Motto „Was in der Natur vorkommt, ist auch (moralisch) gut." Er war vielmehr davon überzeugt, dass der Mensch seine „sozialen Instinkte" und Sympathien für andere kraft seiner Kultur und seines Intellekts zu verbessern und auszuweiten imstande sei.

 

Sowohl aus seinem Werk als auch aus seinem privaten Leben geht hervor, dass Darwin ein Humanist war. Er war ein Gegner der Diskriminierung von Völkern und trat entschieden gegen die Sklaverei auf. Er war vom Solidaritätsgedanken beseelt und nahm wichtige Ideen im Sinne der Völkerverbindung vorweg. Das heißt:

 

  • Im Sozialdarwinismus wurden seine Ideen ideologisch verzerrt und sozusagen auf den Kopf gestellt.
  • Darwin war sozial und humanistisch engagiert.
  • Sein Werk bildet den Grundstein für einen säkularen evolutionären Humanismus, in dem rassistische und diskriminierende Haltungen keinen Platz haben.

 

Eines der prinzipiellen Missverständnisse, die noch heute um Darwins (Selektions-)Theorie kreisen, besteht in dem Glauben, er habe mit der Formel vom „Überleben des Tauglichsten" ein „Recht des Stärkeren" gemeint. Tauglichkeit im biologischen Sinn hat nichts mit Körperkraft oder Stärke zu tun, sondern basiert auf „klugen" Strategien, die dem Individuum erfolgreiche Fortpflanzung sichern. Gesellschaftliche beziehungsweise moralische Normen sind daraus nicht abzuleiten.

 

Franz M. Wuketits

 

Charles Darwin - Die Welt der Wissenschaft

Wie viel der ursprünglichen Thesen Charles Darwins der Evolutionstheorie enthalten ist, untersucht diese Ö1-Sendung vom 15.12.2009.