Das egoistische Gen

Können egoistische Gene altruistische Menschen hervorbringen?

 

Menschen verhalten sich, wie alle Lebewesen, eigennützig. Es geht um Fortpflanzungserfolg.

Aber kooperatives und helfendes Verhalten ist beim Menschen und anderen sozial lebenden Tieren ebenso nicht zu übersehen – weil es sich im Interesse des Überlebens  auszahlt.

 

1976 erschien The Selfish Gene („Das egoistische Gen“) des britischen Biologen Richard Dawkins. Das Buch war ein wesentlicher Beitrag zur Soziobiologie, dem Studium des sozialen Verhaltens der Lebewesen (einschließlich des Menschen) auf genetischer und evolutionsbiologischer Grundlage. Es hat auch viele Kontroversen ausgelöst.

 

Insbesondere hat es den Eindruck erweckt, dass Lebewesen bloß Überlebensmaschinen seinen, deren Verhalten von ihren Genen determiniert wird. Außerdem war – und ist – natürlich die Frage berechtigt, wie sich denn Gene egoistisch verhalten könnten. Dawkins hatte bewusst pointiert und plakativ formuliert, um eine – eigentlich triviale, aber unbeliebte – Erkenntnis in den Vordergrund zu rücken: Alle Lebewesen, einschließlich des Menschen, verhalten sich eigennützig und verfolgen nur ihr individuelles Überlebensinteresse (= erfolgreiche Fortpflanzung).

 

Soziales Leben bedarf der Zusammenarbeit

 

Diese Erkenntnis steht natürlich im Einklang mit Darwins Theorie der natürlichen Auslese. Ihr steht aber die Beobachtung gegenüber, dass nicht nur beim Menschen, sondern auch bei anderen Tieren auch kooperatives und helfendes, also altruistisches (uneigennütziges) Verhalten vorkommt. Was konkret den Menschen betrifft, bemerkte schon der schottische Philosoph und Nationalökonom Adam Smith (1723-1790) folgendes: „Wie selbstsüchtig auch immer der Mensch eingeschätzt werden mag, so liegen doch offensichtlich bestimmte Grundveranlagungen in seiner Natur, die ihn am Schicksal anderer Anteil nehmen und ihm die Anteilnahme an deren Glück notwendig werden lassen.“ Aus moderner soziobiologischer Perspektive sind diese Veranlagungen allerdings leicht erklärbar:

 

Alle Spezies, die auf Kooperation bauen – von Elefanten über Wölfe bis hin zum Menschen –, lassen Gruppenloyalität und Hilfsbereitschaft erkennen. Solche Tendenzen entwickelten sich im Kontext eines fest geknüpften Soziallebens (Frans de Waal).

 

Die in der Tierwelt weit verbreitete Gruppenbildung setzt ein Mindestmaß an kooperativem und helfendem Verhalten voraus. Auch die Mitglieder einer Gruppe sind zwar in erster Linie an ihrem eigenen Überleben „interessiert“ und bleiben Egoisten. Da ihnen aber ihre Gruppe entscheidende Vorteile bietet, müssen sie auch an deren Stabilität „interessiert“ sein und daher

mit anderen Gruppenmitgliedern kooperieren. Kooperation und gegenseitige Hilfe werden – auch heute noch – der Selektionstheorie Darwins oft entgegengehalten. Dabei waren diese Phänomene Darwin selbst durchaus bekannt. Er nahm bei vergesellschafteten Tieren „soziale Instinkte“ an und widmete der Fähigkeit zur Empathie oder zum Mitgefühl seine Aufmerksamkeit. Darin sah er auch die Wurzeln der Moral.

 

Kooperation als Grundlage der Kultur

 

Gene sind weder egoistisch, noch altruistisch. Diese Eigenschaften machen ihren Sinn erst   

auf der Ebene des ganzen Organismus in seinen Beziehungen zu Artgenossen. Aber die Evolution durch natürliche Auslese hat soziale Lebewesen mit der genetischen Disposition zu kooperativem und helfendem Verhalten ausgestattet. Diese Dispositionen können dann noch durch individuelles und soziales Lernen modifiziert beziehungsweise verstärkt werden.

 

Eines steht fest: Hätten schon die prähistorischen Menschen nichts anderes im Sinn gehabt als sich einander die Köpfe einzuschlagen, dann wären wir heute nicht hier. Ein Mindestmaß an Kooperation und Hilfsbereitschaft zumindest innerhalb ihrer Gruppen muss schon unseren steinzeitlichen Ahnen eigen gewesen sein. Die Fähigkeit zur Kooperation und Hilfsbereitschaft war auch die Grundlage für unsere Kultur – und damit der Motor für unseren Evolutionserfolg.

 

Franz M. Wuketits

 

Charles Darwin - Die Welt der Wissenschaft

Wie viel der ursprünglichen Thesen Charles Darwins der Evolutionstheorie enthalten ist, untersucht diese Ö1-Sendung vom 15.12.2009.