Die Evolution und das Gute

 

Moralisches Verhalten und Handeln hat eine evolutionäre Grundlage. Die Natur ist moralisch neutral, aber was wir als moralisch richtig (oder falsch) bezeichnen, ist nicht von unserer Naturgeschichte entbunden. In Vorstufen kommt Moral daher auch bei anderen Primaten vor.

 

Die Natur kenne keine Moral, aber viel Natur sei in unserer Moral enthalten. Diese treffende Bemerkung des Göttinger Anthropologen Christian Vogel (1933-1994)  bringt die Beziehung zwischen Evolution und Moral treffend auf den Punkt. In der Tat ist die Natur moralisch völlig neutral, aber unser moralisches (beziehungsweise unmoralisches) Verhalten und Handeln – oder, was wir jeweils dafür halten – ist nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern hat eine natürliche, evolutionsgeschichtliche Grundlage. Neuere Ergebnisse der Primatenforschung zeigen, dass zumal bei Schimpansen die basalen Prinzipien dessen angelegt sind, was wir mit moralischen Kategorien beschreiben. Insbesondere sind den Schimpansen Konfliktlösungsstrategien und die Fähigkeit zum Mitgefühl eigen.

 

Was sagt die evolutionäre Ethik aus?

 

Die evolutionäre Ethik beschreibt und rekonstruiert jene Prozesse, die zur menschlichen Moral geführt haben, vermag aber auch zu erklären, warum sich Menschen oft unmoralisch verhalten. Ihre grundlegenden Ergebnisse lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

 

  • Moral ist keine abstrakte Kategorie, sondern ein elementarer Bestandteil des menschlichen Lebens, dessen Inhalte sich je nach Lebenssituation verändern.
  • Moral ist in der Evolution entstanden, weil sie maßgeblich zur Stabilisierung von Sozietäten beiträgt.
  • Moral ist die Summe aller Wertvorstellungen und Normen innerhalb einer bestimmten Sozietät, die dem Aufrechterhalten dieser Sozietät dienen.
  • In der Evolution des Menschen waren jene Gruppen im Vorteil, deren Mitglieder durch ein stabiles Band gemeinsamer Wertvorstellungen und Normen zusammengehalten wurden.
  • Menschen sind keine Engel, aber es zahlt sich für sie aus, moralisch zu handeln.
  • Das Prinzip der Reziprozität („Wie du mir, so ich dir“) ist eine starke Antriebskraft für moralisches Handeln.
  • Der Mensch ist von Natur aus weder „gut“, noch „böse“, er trägt sozusagen beide Anlagen in sich. Ihre Entfaltung hängt von den jeweiligen soziokulturellen Rahmenbedingungen ab.
  • Eine entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung moralischen Verhaltens war die Fähigkeit zur Ausbildung positiver Emotionen für andere (Mitgefühl, Sympathie).

   

Gegen den moralischen Absolutismus

 

Die evolutionäre Ethik trägt auch dem Umstand Rechnung, dass Moral beim Menschen zwar universell ist, dass ihre Inhalte aber von einer zur anderen Kultur durchaus variieren. Das heißt: Es gibt kein universelles Werte- beziehungsweise Normensystem. Dieser ethische Relativismus wird zwar von vielen als unbefriedigend oder gar gefährlich erachtet. Umgekehrt wäre es wohl noch gefährlicher, allen Kulturen die gleichen Moralprinzipien aufzwingen zu wollen. Was als moralisch gut oder schlecht gilt, ergibt sich aus der jeweils spezifischen soziokulturellen Tradition und den jeweiligen Lebensbedingungen der Menschen in einer Kultur.

 

Die evolutionäre Ethik liefert somit gute Gründe für die altehrwürdige Idee der Toleranz. (Von Darwin können wir dabei einiges lernen.) Diese Ethik steht damit im Widerspruch zu jedem moralischen Absolutismus: Werte und Normen sind nicht unwandelbare Gegebenheiten, sondern Konstruktionen von Menschen in ihren sich wandelnden Lebenssituationen. Eine idealistische Ethik, die zwar auf moralische Ideale baut, aber an der biologischen, sozialen und kulturellen Wirklichkeit des menschlichen Lebens vorbeigeht, bleibt ein Luftschlossgebilde. Im Rahmen der evolutionären Ethik geht es nicht nur darum, was der Mensch tun soll (um moralisch richtig zu handeln), sondern auch – und primär – was er aufgrund seiner biologischen und soziokulturellen Ausstattung überhaupt tun kann. Die entscheidende Schlussfolgerung ist: Wir sind moralisch nicht beliebig belastbar, unserer Moralfähigkeit sind Grenzen gesetzt.

    

Franz M. Wuketits

Charles Darwin - Die Welt der Wissenschaft

Wie viel der ursprünglichen Thesen Charles Darwins der Evolutionstheorie enthalten ist, untersucht diese Ö1-Sendung vom 15.12.2009.