Die Evolution und das Schöne

 

Warum empfinden wir manches als „schön“, anderes als „hässlich“? Auch unser ästhetisches Empfinden hat eine evolutionäre Grundlage. Es ist damit zu rechnen, dass bestimmte ästhetische Präferenzen tief in unserer Naturgeschichte verwurzelt sind.

 

Sowenig es in der Natur „das Gute“ oder „das Böse“ gibt, sowenig kennt sie „Schönes“ und „Hässliches“. Aber wir Menschen haben ausgesprochene (positive) Empfindungen für Schönheit und eine Abneigung gegen Hässlichkeit. Über Geschmack lässt sich streiten – oder vielleicht doch nicht?

 

Sinn für Harmonie

 

Ist auch nicht zu bestreiten, dass die ästhetische Wahrnehmung subjektive Komponenten enthält, die wiederum individualhistorischen (biographischen) Entwicklungen (Prägungen und so weiter) entspringen, so scheint beim Menschen universell eine Vorliebe für harmonische Gebilde zum Ausdruck zu kommen. Dabei ist vor allem an die Symmetrie zu denken, die auf den unterschiedlichsten Ebenen unserer Kultur eine hervorragende Rolle spielt. Das Wahrnehmen und Repräsentieren von Symmetrien hat offenbar von Anfang an unsere Kulturgeschichte beflügelt.

 

Aus der Sicht der evolutionären Ästhetik ist es verständlich, dass der Mensch früh Präferenzen für bestimmte optisch (oder auch akustisch) wahrnehmbare Strukturen entwickelt hat, die uns auch heute noch begleiten. Landschaftsmotive, Bäume mit weit ausholendem Geäst und dichtem Blätterwerk („Schutzdach“!) oder Wasser vermitteln ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit. Die Natur ist kein paradiesischer Garten, und so schaffen wir uns gern so etwas wie ein Gegenbild der Natur, welches sich in einer Naturästhetik manifestiert.   

 

Ein umfassendes Forschungsprogramm

 

Noch ist die evolutionäre Ästhetik weniger eine etablierte Disziplin als ein Forschungsprogramm, allerdings ein sehr viel versprechendes. Die grundlegende Hypothese dabei ist, dass ästhetische Wahrnehmung letztlich einen Evolutions- beziehungsweise Selektionsvorteil darstellt. Die Fähigkeit zu ästhetischen Urteilen und dabei die Unterscheidung zwischen „schön“ und „hässlich“ kann als ein Anpassungsvorgang beschrieben werden, der dem Menschen auch in Fragen des Überlebens Vorteile verschafft. Die evolutionäre Ästhetik bedeutet eine Anbindung der (philosophischen) Disziplin der Ästhetik an die Biologie und ihre Integration in die Evolutionstheorie (Karl Grammer). Sie könnte beispielsweise erklären, warum wir bestimmte Naturgebilde als schön, andere als hässlich empfinden. Hierbei wäre im Detail etwa zu untersuchen, inwieweit Tiere, die zumindest ein großer Teil der Menschen als hässlich empfindet, auch als gefährlich (weil beispielsweise Krankheiten erregend) eingestuft werden können. Die Fähigkeit, zwischen „schön“ und „hässlich“ zu unterscheiden, wird sich wohl als überlebenswichtig herausstellen.

Die Empfindung von Schönheit vermittelt uns obendrein ein Gefühl der Befriedigung und Freude, so dass davon ein bedeutender Wohlfühlfaktor ausgeht, der seinerseits unser Überleben fördert.

 

Gewiss werden ästhetische Präferenzen von sozialen beziehungsweise kulturellen Traditionen entscheidend beeinflusst. Die evolutionäre Ästhetik geht aber eine Stufe tiefer und versucht – auf evolutionstheoretischer Grundlage – die Frage zu beantworten, warum sich solche Präferenzen überhaupt ausgebildet haben.

 

Franz M. Wuketits  

Charles Darwin - Die Welt der Wissenschaft

Wie viel der ursprünglichen Thesen Charles Darwins der Evolutionstheorie enthalten ist, untersucht diese Ö1-Sendung vom 15.12.2009.