Kontroversen

Seit der Veröffentlichung seines Werkes Über die Entstehung der Arten haben die Kontroversen um Darwin kein Ende gefunden


Evolution ohne Plan

Von Anfang an hat Darwins Werk die Gemüter erhitzt und polarisiert. Der Hauptgrund dafür liegt wohl darin, dass dieses Werk keine Absicht, keinen Plan in der Evolution zulässt - und die Annahme eines Schöpfers entbehrlich macht. Damit erschütterte der Engländer ein lang gehegtes Weltbild, das nicht zuletzt von der auf die Antike zurückgehende "Naturtheologie" geprägt war. Die Naturtheologen sahen in Lebewesen und ihren Strukturen, Funktionen und Verhaltensformen Beweise für die Existenz Gottes und waren im 18./19. Jahrhundert besonders einflussreich.


Vor diesem Hintergrund ist auch der Angriff von Kardinal Schönborn vor vier Jahren auf die Evolutionstheorie zu verstehen: Evolution ja, aber dahinter muss es einen intelligenten Planer geben. (Schönborn meinte jedoch später, er habe zwar einen Plan, aber nicht Intelligenz in der Evolution behauptet.) Das Konzept des intelligent design geistert in vielen Köpfen herum, auch manche Medien haben sich seiner angenommen. Dieses Konzept ist eine Variante des Kreationismus. Eine gemäßigte Variante. Denn immerhin akzeptieren auch Schönborn und seine Anhänger die Evolution grundsätzlich. Die Hardliner unter den Kreationisten jedoch nehmen den biblischen Schöpfungsbericht wörtlich - und glauben, dass die Erde und ihre Bewohner vor etwa 6000 Jahren in einem einmaligen (Schöpfungs-)Akt innerhalb einer Woche erschaffen wurden.


Wissenschaftlich ist keine Form des Kreationismus haltbar. Aber hier geht es offenbar nicht zuletzt um den Versuch konservativer Kreise, auf die Bildungspolitik Einfluss zu nehmen. Verteidiger "ewiger Werte" sehen in der Evolutionstheorie große Gefahren und wollen sie aus dem Schulunterricht verbannen. Demgegenüber bietet ein säkularer, evolutionärer Humanismus die entscheidenden Impulse für ein auf Vielfalt und Toleranz bauendes Welt- und Menschenbild. Darwin kann dabei - mit seinem Werk, aber auch im Hinblick auf sein persönliches Leben - als Vorbild dienen.


Natur ist kein Vorbild

Schon zu seinen Lebzeiten wurde Darwin, wogegen er sich wehrte, von Vertretern verschiedener Ideologien vereinnahmt. Die Kontroversen um seine Theorie(n) waren von Anfang an nicht nur wissenschaftlicher, sondern auch - und vor allem - weltanschaulicher Natur (woran sich bis heute nicht viel geändert hat). Insbesondere ist hier der Sozialdarwinismus zu erwähnen, eine Ideologie, durch die Darwin sozusagen auf den Kopf gestellt wird.


Darwin selbst wollte nämlich aus seiner Selektionstheorie keineswegs Normen für die Gestaltung menschlicher Gesellschaften ableiten oder gar ein "Recht des Stärkeren" begründen. Die Natur nämlich ist moralisch vollkommen neutral, sie kennt weder das "Gute", noch das "Böse". Doch sind bis heute die Stimmen derer nicht verstummt, die in ihm einen Gewährsmann für sozialdarwinistische "Entgleisungen" - und nur darum handelt es sich dabei - sehen wollen. Diese Kontroverse könnte man sich sparen, würde man Darwins Werk - insbesondere sein Buch Die Abstammung des Menschen - wirklich lesen.


Darwin war Humanist, was sich allein aus seiner entschiedenen Ablehnung der Sklaverei äußert. In seine Vorstellung der Evolution des Menschen baute er das "moralische Argument" ein und glaubte, dass der Mensch - durch seine Kultur - moralisch verbesserungsfähig sei. Seine Hoffnung war eine Menschheit, in der die Schranken zwischen "Rassen" und Nationen aufgehoben sind und der einzelne Mensch jeden anderen als Mitmenschen zu empfinden lernt.    

 

Franz M. Wuketits 

 

Charles Darwin - Die Welt der Wissenschaft

Wie viel der ursprünglichen Thesen Charles Darwins der Evolutionstheorie enthalten ist, untersucht diese Ö1-Sendung vom 15.12.2009.