Im 20. Jahrhundert wurde Darwins (Selektions-)Theorie auf der Grundlage immer neuer empirischer Forschungsergebnisse mehrmals vertieft und erweitert. 


Neodarwinismus. Die Theorie des deutschen Zoologen August Weismann (1834-1914), der sich vor allem um eine Verbindung von Embryologie, Zellenlehre und Genetik bemühte. Diese Theorie kann insbesondere als eine Ergänzung der Selektionstheorie um die klassische Vererbungslehre gelten und als Übertragung (Erweiterung) des Selektionsprinzips auf die Ebene der Zelle.


Synthetische Theorie oder Moderne Synthese. Erweiterung der Theorien Darwins und Weismanns um populationsgenetische (später molekularbiologische) Aspekte. In der Synthetischen Theorie, die in den 1930er und 1940er Jahren etabliert wurde, flossen Ergebnisse sämtlicher biologischer Disziplinen zusammen (von der vergleichenden Anatomie über Systematik, Paläobiologie und Biogeographie bis zur Genetik). Sie ist auch insofern eine Synthese, als sie die Evolution aus dem Zusammenwirken mehrerer Faktoren erklärt. Dabei liefern genetische Rekombination und Mutationen das "Rohmaterial" der Evolution, an dem die Selektion als die Evolution "richtende Kraft" ansetzt. Als "Architekten" der Theorie gelten vor allem Theodosius Dobzhansky (1900-1975), Julian Huxley (1887-1975), Ernst Mayr (1904-2005), George G. Simpson (1902-1984) und Bernhard Rensch (1900-1990).


Systemtheorie der Evolution. Erweiterung der Selektionstheorie um innere Mechanismen. Evolution hängt nicht nur von der Außenweltselektion ab; eine wichtige Rolle spielen dabei die den Lebewesen jeweils eigenen Konstruktions- und Funktionsbedingungen. Organismen sind aktive Systeme, sie passen sich nicht einfach an ihre Außenbedingungen an, sondern bestimmen ihre Evolution selbst mit. Wichtige Beiträge zur Systemtheorie der Evolution leistete Rupert Riedl (1925-2005). Eine ähnlich am Organismus orientierte Konzeption ist auch die so genannte Kritische Evolutionstheorie nach Wolfgang F. Gutmann (1935-1997), der allerdings die Anpassung praktisch vollkommen ausblendete.


Franz M. Wuketits

 

Charles Darwin - Die Welt der Wissenschaft

Wie viel der ursprünglichen Thesen Charles Darwins der Evolutionstheorie enthalten ist, untersucht diese Ö1-Sendung vom 15.12.2009.